Unser WGT 2019: Freitag, 07.06.2019

torshammare:

Lust-Syndicate1-1-von-1Den Freitag beginne ich mit einer kleinen Shoppingrunde in der Stadt und treffe mich später mit Freunden zum Mittagessen, bevor um halb vier in der Kuppelhalle das WGT auch musikalisch für mich beginnt. The Lust Syndicate lassen allerdings noch ein wenig auf sich warten beziehungsweise der Einlass verzögert sich, sodass wir draußen noch ein inbrünstiges „Jesus is the king!“ von einer vorbeiziehenden christlichen Gemeinde zugerufen bekommen, was unter dem Schwarzvolk milde Erheiterung auslöst. Schließlich geht’s dann aber doch in die unheiligen Hallen. Hinter The Lust Syndicate verbirgt sich u. a. Simone Salvatori von Spiritual Front, und das verbergen ist durchaus wörtlich zu nehmen, denn die drei Musiker treten mit schwarzen Kapuzen und schwarzen Halbmasken vor dem Gesicht auf. Die Musik ist sehr rhythmisch und trommellastig, teilweise hämmern alle drei auf die vor ihnen stehenden Trommeln ein und erzeugen damit schon mal Gänsehautstimmung. Simone ist ein wenig nervös, offensichtlich spielt die Technik auch immer wieder Streiche, aber das WGT-Publikum verzeiht ja eh alles. Im Hintergrund laufen Schwarz-Weiß-Filme von verschiedenen Aufständen auf der ganzen Welt, die Lyrics sind ebenso kämpferisch („Capitalism is cannibalism“), alles in allem macht diese Post-Industrial-Pop-Mischung mit gelegentlichen Neofolk-Ausreißern richtig Spaß.
Wegen der anfänglichen Verzögerung sehe ich von St. Michael Front nur ein bisschen was, bevor ich weiterziehe, das reicht mir dann aber auch. Im Vorfeld dachte ich, ironischer Kitsch könnte Spaß machen, dann ist es aber nur Kitsch. Nicht mein Ding, daher geht es rasch Richtung Stadtbad für den elektronischen Teil des Abends.
Void-Vision-1-von-1Void Vision (aka Shari Vari) aus New York bereitet mir dann die erste veritable Überraschung des WGTs (und wird auch rückblickend die größte Entdeckung für mich sein), denn sie dominiert mit Stimme und Sound das Stadtbad, dass selbst King Dude hinter mir nur noch andächtig murmelt „She’s soooo good“. Hier tun sich Soundwelten auf, spacige Klangteppiche, eine Reise durch Jahrzehnte elektronischer Musik, gekrönt von Sharis unglaublicher Stimme, alles aus einer riesigen Armada von Synths und Effektgeräten mit einer Beiläufigkeit hervorgezaubert, dass es einem den Atem verschlägt. Ganz großes Kino und eine absolute Empfehlung für alle, die was mit Hante., Zanias, Boy Harsher etc. anfangen können. Wobei – das ist auch nur eine Annäherung. Lieber selbst anhören und vor allem anschauen!
Automelodi2-1-von-1Die Kanadier Automelodi gehören zu unseren derzeitigen Redaktionsfaves, weshalb ich sehr gespannt auf den Live-Auftritt bin. Der ist per se auch gut, vielleicht ist die Songauswahl nicht ganz so geglückt, denn absolute Cold-Pop-Wave-French-Disco-Perlen (bei denen vor allem die Gitarre großartige Akzente setzt und auch sonst spannende Details enthalten sind) wechseln sich mit etwas beliebigen und eintönigen Titeln ab, die ein bisschen vorbeiplätschern. Alles in allem ist das aber immer noch sehr charmant und tanzbar, und die Stimmung im mittlerweile gut gefüllten Stadtbad ist super.
Tempers-1-von-1Danach bitten Tempers zur Audienz, die ich bisher nur in sehr kleinen Venues sah und gespannt bin, wie diese eher intime Musik, die auch in keine gothische Schublade passt, im großen Stadtbad ankommt. Ich habe dann tatsächlich das Gefühl, dass der Funke nicht so recht aufs Publikum überspringen mag – oder vielleicht genießen alle auch einfach still. Ordentlich getanzt wird trotzdem, vor allem natürlich beim Überhit „Strange harvest“, aber weiter hinten entgehen einem schon die schönen Momente, wenn Jasmine und Eddie einander zugewandt auf der Bühne musizieren, als wären sie allein im Raum. Bandleistung: Wie immer einwandfrei. Venue: Vielleicht ein bisschen zu groß, auch wenn man der Band natürlich eine volle Hütte gönnt.
Bevor besagte Hütte bei der nachfolgenden Hante. zu voll wird, verziehen wir uns dann zur Moritzbastei, wo wir noch gemütlich auf der Terrasse herumschlumpfen und den ersten – sowieso schon sehr erfolgreichen – Tag ausklingen lassen.

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Mrs.Hyde:

Zunächst einmal fahren wir zum Grassi-Museum für Angewandte Kunst, um uns die Ausstellung der historischen Kostüme aus der Modeschule-Ausbildung anzusehen. Im Foyer stoßen wir mit einer chinesischen Reisegruppe zusammen, die aber zum Glück zu perplex ist, um Fotos zu schießen. Aber wer weiß, vielleicht parken bald Reisebusse vor der agra als offizieller Programmpunkt. Die Ausstellung ist klein, aber fein, und so bleibt uns anschließend Zeit für einen Eisbecher in der Innenstadt, diese ist moderat mit Touristen und Gothen gefüllt. Dann machen wir uns auf zum Viktorianischen Picknick, das wir eigentlich wegen der Überfüllung letztes Jahr auslassen wollten, aber Freunde haben uns wiederholt gedrängt, doch zu kommen. Diese finden wir gleich, leider auch ca. 20000 Schaulustige, die zum Teil auch einfach mittendrin mitpicknicken, und das ohne entsprechendes Outfit. Die teilnehmenden Gothen muß man schon suchen, auch bei denen verkommt das Event zunehmend zum Karneval, aber das ist nur mein persönlicher Eindruck. Schließlich sollen alle die Freiheit haben, sich auf dem WGT ausleben zu können. Schön ist es allerdings eine Freundin zu treffen, die als Altenpflegerin einen über 90-jährigen Gruftie betreut (im coolen The-Gothics-Shirt und stylischer Marlon-Brando-Mütze), der sich sehr freut, uns alle kennenzulernen. Klar, dass wir da zusammen anstoßen müssen.

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©prager.student

Wir verquatschen uns und verpassen leider somit October Burns Black im Täubchenthal. Es spielen gerade Golden Apes, aber die reißen uns nicht vom Hocker, und so genießen wir lieber die Atmosphäre im Innenhof. Aber das Gitane Demone Quartett kann ich mir natürlich nicht entgehen lassen. Neben der Legende Gitane Demone sind hier schließlich auch Debra Erin Benham (Aunty Trust – übrigens in einem roten Star-Trek-Shirt auf der Bühne), Paul Roessler (The Screamers, 45 Grave, Nina Hagen Band) und Rikk Agnew (Social Distortion, Adolescents, Christian Death) dabei. Mit dem Death Rock à la Christian Death hat die Musik mittlerweile wenig zu tun. Vielmehr ist der Sound sperrig und experimentell, sträubt sich gegen gängige Hörgewohnheiten und kombiniert Gothic- mit Jazz-Komponenten, auch Chanson blitzt beim Gesang mal durch. Nachdem sie zwischendurch mal gesanglich zu kämpfen hatte, ist die Stimme heute wieder kraftvoll da, Gitane präsentiert sich als beeindruckende Frau. Ich kann durchaus verstehen, dass es einigen insgesamt zu anstrengend ist, aber der Auftritt ist dunkel und apokalyptisch, der beste vom WGT.
Meine Frau hat sich nach draußen verzogen und sitzt zufällig neben Eva Ortiz, einer weiteren Legende und Mitglied von Christian Death und Shadow Project (zusammen mit Rozz Williams), allgemein bekannt als Eva O. Die beiden unterhalten sich angeregt und haben eine gute Zeit, während Eva O. auf ihre Tochter Scarlet Dream wartet, die drinnen die Band abfeiert. So lerne auch ich schließlich Eva O. kennen, die total nett und natürlich ist und auch nicht genervt auf Foto- und Autogramm-Wünsche einiger weiblicher Fans reagiert. Leider stamme ich nicht aus der Generation Selfie, insofern komme ich blöderweise gar nicht auf die Idee. Hinterher könnte ich mir in den Allerwertesten beißen, kein Foto zu haben.
Lange kann ich jedoch nicht trauern, denn nun spielen UK Decay, die 1978 geründete Post Punk/Gothic Rock-Legende. Vor ein paar Jahren habe ich im Gewitterregen vor der Parkbühne getanzt, heute bleiben wir im Täubchenthal trocken. Aber auch heute begeistert mich der Auftritt, kraftvoll lassen UK Decay auf eine Weise bestimmte alte Zeiten aufleben, wie es nur englische Bands der frühen 80er Jahre vermögen. Sie spielen mit altem und neuem Material den besten Gig vom WGT, und Highlight ist natürlich die 1980er Single „For my country“.
Die When-We-Were-Young-Party kommt anschließend nicht so recht in Schwung (wahrscheinlich müssen die Leute erst noch von anderen Locations hierherfahren), also fahren wir zu Tanzcafé Ilses Erika in Connewitz, um eine neue Location auszuprobieren. Die Kellerkneipe hat nicht nur einen originellen Namen, sondern auch einen schönen Biergarten, in dem man auch nachts um drei ohne Anwohnerstress noch sitzen kann (hallooo München!?), und zwei verschiedene Tanzflächen, sodass hier für jeden etwas geboten ist. Besonders originell ist ein Sitzbereich, in dem die gesamte Wand von typischen Gebirgslandschaftsbildern behängt ist, wie man sie auf jedem Flohmarkt findet. Gegen halb vier streichen wir aber die Segel und machen uns auf den Heimweg.

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Phoebe:

Der Schatz will WGT-Stimmung einfangen, ich will im Garten liegen. Er wird sicher Pommes aus der Tüte essen, ich vom Teller mit Bedienung. So ist der Plan. Mittags mache ich mich auf den Weg zur Moritzbastei. Im Außenbereich sind die Ohne-Bändchen-Adabeis, oben dann die Sehen-und-gesehen-werden, aber unten im Freien gibt es aufgespannte Sonnenschirme, Schattenplätze, zuvorkommende Bedienungen und einen guten Salat mit einem kühlen Getränk für mich. Leider kann ich nicht allzu lange verweilen: Ich habe vor, mich in der Musikalischen Komödie, die dieses Jahr endlich wieder ein Kontingent an Karten anbietet, für Madame Pompadour anzustellen. Ich fahre mit der Tram bis Straßenbahnhof Angerbrücke und schlendere zur Location.

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Das sieht noch gut aus, denn 50 reservierte Karten sind nicht viel! Man nimmt auf den Stufen Platz und fängt an durchzuzählen. Doch bevor man Freundschaften schließen kann, geht unerwarteterweise sehr früh die Tür auf, und die Wartenden bekommen ihre Theaterkarten! Toll! Mit einem kalten Getränk kann man draußen vor dem Theater fast noch einmal eine Stunde verbringen, bevor es losgeht. Ich freue mich immer über Vorführungen in der Musikalischen Komödie, habe Highlights wie Rocky Horror Picture Show und Dr. Jekyll und Mr. Hyde großartig inszeniert gesehen. Madame Pompadour ist eine Operette in drei Akten von Leo Fall. Die Uraufführung war im September 1922 in Berlin. Ich will dem Stück nicht unrecht tun, aber es fängt mich irgendwie nicht ein. Die Geschichte um die Mätresse Ludwigs XV, ein sex- und vergnügungssüchtiges, raffiniertes kleines Ding zwar und somit per se schon sympathisch, ist mir ein wenig zu originalgetreu inszeniert. Ich würde drei von fünf Punkten geben. Nett und im Gedächtnis geblieben ist mir aber eine kleine Konversation draußen vor Beginn des Stücks. Zwei – wirklich – alte Damen, in bunten Sommerkleidern mit floralem Design und beigen Lochmusterhalbschuhen unterhalten sich. Meint die eine zur anderen: „Wenn ich nur diese Theaterkarten nicht schon gehabt hätte … Ich wäre heute so gerne auf das Viktorianische Picknick gegangen! Ich liebe diese Kleider!“
Später treffe ich den Schatz zu Absinth und Weißwein in der Absintherie Sixtina, danach gehen wir noch rüber auf einen Absacker in der Moritzbastei, und weil es so voll ist, dass man nicht einmal sehen kann, WAS es zu essen gibt, fahren wir nach Hause. Eigentlich wollen wir uns unterwegs bei einem der unzähligen Thais-to-go auf der Strecke etwas mitnehmen, aber alles hat nach Mitternacht zu. Somit bleibt uns nichts anderes übrig, als nachts um eins im Kerzenschein zu „frühstücken“. Gibt Schlimmeres, oder?

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Yggdrasil:

Wie üblich und vor allem liebgewonnen, beginnen wir den Tag mit einem schönen, gechillten Frühstück. Währenddessen studiere ich meine WGT-App und überlege, was ich an diesem Tag mache. Es ist ja nicht so, dass ich nicht im Vorfeld meine Bands herausgepickt hätte, jedoch liebe ich es, mich treiben zu lassen, und wenn mich etwas anderes interessiert, bin ich durchaus nicht abgeneigt, einen geplanten Tag über den Haufen zu werfen. Den ersten offiziellen WGT-Tag beginne ich mit einem kühlen Kirschbier (die Temperaturen während des WGTs sind für mich afrikanisch) auf dem Mittelaltermarkt an der Moritzbastei. Man muss nur achtgeben, dass man nicht zu viel des kühlen leckeren Getränkes zu sich nimmt, da sonst der Tag gelaufen sein könnte. Ein weiterer Blick in die App verrät mir mein Ziel des Tages. Auf in den Volkspalast, wo Darkher, Coph Nia und im Anschluss Camerata Mediolanense spielen. Letztere bekommt man sehr selten live zu sehen, deshalb freue ich mich darüber am meisten. Darkher bekomme ich leider nur zur Hälfte mit, da ich ein wenig vor dem Volkspalast im Schatten verweile. Was ich jedoch höre und auch sehe, überzeugt mich sehr. Für keinen anderen Veranstaltungsort wäre die Musik von Darkher geeigneter. Eine Mischung aus Ethno, Ambient, Folk mit ganz viel Tiefgang. Alle Anwesenden, mich eingeschlossen, sind wie in Trance. Diese fast meditative, erdverbundene Musik mit gelegentlichen kleinen Ausbrüchen stimmt mich definitiv auf die folgenden Acts ein. Die Kuppelhalle füllt sich zunehmend, und so nutze ich die kurze Pause nach dem Konzert für etwas kühle Luft, oder das, was draußen war – wirklich kühl sind eigentlich nur die Getränke. Der zweite Act auf meiner To-Watch-Liste steht bevor. Die Kantine der Kuppelhalle ist vom Sound her so ziemlich das Beste, was ich gehört habe. Voll und voller wird es, und so kämpfe ich mich durch die Massen und gelange sehr weit nach vorne. Da ertönt auch schon das martialisch cineastische Intro von Coph Nia aus Schweden. Eines vorweg, mich hat es aus den Stiefeln gehauen: martialischer Ambient mit Anleihen im Industrial, und immer wieder diese Breitwand-Epik. Das Publikum tanzt, dass man das Gefühl eines kollektiven Marsches hat. Beeindruckend das Zusammenspiel von Dystopie und elegischer Schwere. Zum Abschluss ihrer Show geben sie den Song zum Besten, der so etwas wie der größte „Hit“ von Coph Nia ist, „Holy war“. Ausnahmslos alle haben auf den Song gewartet. Augen zu und sich in einem Meer aus Schwärze und Martial treiben lassen. Der Applaus ist fast ohrenbetäubend. Die Pause zwischen den Konzerten wird sofort wieder für Frischluft genutzt. Keinen Gedanken daran verschwenden zu müssen, noch woandershin fahren zu müssen, um Band X oder Y zu sehen, ist definitiv ein Luxus.
Ich höre um mich herum immer mehr Gothics aus Italien, was nur eines bedeuten kann: Camerata Mediolanense, eines der ältesten und legendärsten Neofolk-, Ambient-, Martial Industrial-Projekte Italiens steht kurz vor Auftrittsbeginn. Ich treffe zwei Bekannte aus Rom wieder, die beim WGT 2018 ebenfalls in der Kuppelhalle waren, und es wird ein paar Minuten über die italienische Gothic-Szene gefachsimpelt. Dann betreten sie die Bühne, und in der Kuppelhalle wird es laut. Diese Formation existiert seit vielen Jahren und hat schon mit Musikern zusammengearbeitet, die internationale Größen im Bereich des Industrials und des Neofolks darstellen. Dieses Konzert jedoch soll ganz ohne Industrial auskommen, was mich sehr freut, da ich eh ihre folkloristischen Sachen bevorzuge. Vor mir in der ersten Reihe positionieren sich drei Damen, die wegen Camerata Mediolanense auf das WGT gekommen sind. Da die Hitze selbst zu später Stunde teilweise unerträglich ist, fächern sie, was das Zeug hält. Da ich direkt hinter ihnen stehe, beschließe ich, mich im Rhythmus des Windes, den sie erzeugen, zu bewegen, so bekomme ich immer kühle Luft. Das Konzert beginnt mit einem herrlichen Fokus auf den martialischen Werken der Band. Episch breite Pauken über einem Teppich aus fanfarenartigen Arrangements und über allem die gewaltigen Stimmen von Desirée Corapi, Carmen D’Onofrio und Chiara Rolano.
oznorVerwurzelt in der Neoklassik spielen sie eine atemberaubende Show mit einem Querschnitt ihres bisherigen Schaffens. Ein beeindruckender Konzerttag neigt sich für mich dem Ende zu. Am Abend treffe ich mich mit Schatz, und wir gehen gemeinsam auf einen Absacker in die Absintheria Sixtina. Schönes Ambiente, nette Leute und eine wirklich familiäre Stimmung. Einen doppelten Absinth später meldet sich mein Magen und verlangt nach etwas Essbarem. Auf der Fahrt in unsere Wohnung liegen ja nun einige kleine Imbisse auf dem Weg, und so denke ich, wir könnten uns etwas holen. Das war dann mal eine Absinthidee: Alles hat zu. Wir lassen den Abend bei Kerzenschein und einem „Spätstück“ ausklingen.

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prager.student:

Der WGT-Freitag beginnt traditionell mit dem Viktorianischen Picknick. Da wir diesmal eine andere Unterkunft haben und es zu Fuß zu weit wäre, quetschen wir uns mit ungefähr einer Million anderer Leute in die Straßenbahn. Das Picknick ist wie üblich sehr voll und ein netter Mischmasch aus Leipziger Normalos, Touristen, Fotografen und aufgebrezelten Gruftis. Da man mit dem ganzen Freundeskreis zusammensitzt und viele weitere Bekannte trifft, ist es trotz des Trubels eine schöne Zusammenkunft.
Danach setze ich mich zu den Konzerten im Volkspalast ab. Für Darkher komme ich leider zu spät, die hätte ich gerne gesehen. Erste Band des Abends ist dann Coph Nia, die ganz ok sind, aber auf Dauer zu eintönig. Entweder ist die große Zeit von Cold-Meat-Ambient-Industrial vorbei, oder ich mag’s einfach nicht mehr. Camerata Mediolanense liefern mit ihrem Neoklassik eine gemischte Vorstellung ab, einige sehr schöne Lieder, bei anderen hört man die Schwächen einer der Sängerinnen deutlich raus. Aber „Balcani in fiamme“ haut live immer noch so richtig rein. Evi Vine hat zunächst Soundprobleme, kann dann aber mit ihrer Mischung aus WitchPop und Postrock begeistern. King Dude sind live wesentlich rockiger als auf Platte und legen ein tolles Konzert hin, das eher nach Nick Cave als nach Neofolk klingt.

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King Dude © prager.student

Danach fahre ich in die Heilandskirche zu den Dunkelromantischen Tänzen: Derjenige, der diese Kirche für die Tanznacht organisiert hat, sollte heiliggesprochen werden! Ein (Neo-)Gotisches Kirchengebäude in Licht gebadet, dazu eine perfekte Mischung aus Neoklassik, (gutem) Mittelalter, Hochgoten-Glühbirnenschraubmusik und Neofolk. Später kommen noch Freunde dazu, und wir tanzen, bis um halb fünf die Musik endet. Zum Glück hat das nahegelegene Naumanns noch bis fünf Uhr auf für ein Bierchen zum Runterkommen.

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Ankalætha:

Torte-Picknik-1Richtig ausschlafen und es gemütlich angehen lassen ist leider nicht drin, denn ich habe mir – wie zugegebenermaßen eigentlich jedes Jahr – vorgenommen, es diesmal aber wirklich endlich mal zum Viktorianischen Picknick zu schaffen. Im Vergleich zu den letzten Jahren habe ich aber diesmal am Abend vorher Freunden versprochen, dass ich vorbeikomme. Und so bin ich – für meine Verhältnisse sehr aufgedonnert, nicht wirklich viktorianisch gekleidet, aber immerhin mit Hut – um zwei Uhr auf dem Weg zum Clara-Zetkin-Park. Dort dauert es eine Weile, bis ich in dem Gewusel aus Teilnehmern, szene-internen und szene-externen Schaulustigen und Fotografen die Leute gefunden habe, nach denen ich suche. Ich schaffe es aber doch früh genug für ein paar Gläschen Sekt und ein Foto von der Torte, bevor sie angeschnitten wird. Da ich den Rest des Nachmittages bei meiner Gruppe bleibe, gemütlich unter dem Pavillon im Schatten der Bäume, bekomme ich nicht wirklich einen Gesamteindruck des Spektakels, geschweige denn einen Überblick, dafür habe ich aber tatsächlich Spaß.
Genug um den Zeitpunkt zu verpassen, an dem ich wieder heimfahren hätte müssen, um mich noch umzuziehen zu können, bevor es zu Void Vision ins Stadtbad geht. Ein Glück ist das Stadtbad nicht ganz so voll und damit auch nicht ganz so warm und stickig wie befürchtet, und Void Vision ist genau so gut, wie ich erhofft und nach der Empfehlung von Mitbewohner 1, der sie vor kurzem schon in Stockholm live erleben durfte, auch erwartet hatte.
Bei den nachfolgenden Automelodi holt mich dann allerdings die nachhängende Reisemüdigkeit endgültig ein, die monotoneren Phasen sind einschläfernd, die Schuhe drücken in die Füße und der Hut auf die Ohren, und so ziehe ich mich vorübergehend ins Foyer zurück, wo ich tatsächlich einen Platz auf der Couch ergattern und die Füße hochlegen kann.
Zu Tempers geht es aber natürlich wieder zurück in die Halle. Ich habe die Amerikaner erst bei der WGT-Vorbereitung für mich entdeckt und noch nie live gesehen. Enttäuscht werde ich nicht, die Musik ist toll, der Sound akzeptabel und „Strange harvest” absolut magisch, aber auch ich habe das Gefühl, dass der Funke irgendwie nicht ganz aufs Publikum überspringt. Vielleicht ist das Stadtbad wirklich eine zu große Location für die doch sehr zurückhaltende Show.
Anschließend haben wir die Wahl: bleiben wir für Hante., oder fahren wir noch in den Volkspalast zu King Dude? Wir entscheiden uns (mal wieder) dafür, stattdessen noch ein wenig auf der Moritzbastei rumzusitzen, und lassen den Abend so in gemütlicher Freundesrunde ausklingen.

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littlenightbird:

Ein fester Programmpunkt am WGT-Freitag ist stets das Viktorianische Picknick im Clara-Zetkin-Park, obwohl ich die Menschenmassen und die hektische Betriebsamkeit dort schon längst nicht mehr als romantisch und entspannt empfinde. Sit-in am Münchner Marienplatz wird dem Event eher gerecht. Doch es ist für uns immer ein erster Treff mit allen meist schön herausgeputzten Münchner Freunden, und so folgen wir dem Herdentrieb. Als offenbar interessantes und inzwischen mit Seltenheitswert behaftetes Fotomotiv „Cybergoth“ werde ich mehrmals von fremden Passanten und Fotografen abgelichtet, gefragt oder ungefragt, jede meiner Aktionen dient als lustiges Fotomotiv, ob ich nun mit blauem „Hugo“ gefüllte Schnapsgläser in den Deko-Hohlräumen meiner Plateauschuhe abstelle oder mich unter meinem Sonnenschirm mit blauem Leopardenmuster verstecke. Wir Freunde sind eine zusammengewürfelte Truppe aus feinen viktorianischen Herrschaften, Edelpunks, Bayern in schwarzer Tracht und meiner Wenigkeit. Doch wir beobachten ebenso gerne die schaulaufenden Mitmenschen, und die jährlichen Diskussionen über Schönheit und Geschmacklosigkeit mancher Outfits nehmen ihren gewohnten Gang. Ich verlasse das Picknick pünktlich, um die wenigen, mir wichtigen Konzerte am WGT wahrzunehmen. Das wäre heute Tempers im Stadtbad. Um sicher hineinzukommen, bin ich schon zu Automelodi dort, trotz zehnminütigem Fußmarsch von der Unterkunft zum Stadtbad, Zurechtfinden unter Mithilfe eines Stadtplans und Befragung eines WGT-Wächters auf einem Parkplatz hinter einem sehenswerten Gebäude. Wo denn hier das Stadtbad wäre, es müsste doch ganz in der Nähe sein … war es auch: das sehenswerte Gebäude vor mir. Das Stadtbad ist mir sowohl wegen seines Burgerstands mit Süßkartoffelpommes als auch wegen der reizvollen architektonischen Innenausstattung, meist genug Platz im Publikum und nicht zuletzt wegen Brezen und Met eine sehr liebgewonnene Konzerthalle.

by Katja Ruge / HP Automelodie

by Katja Ruge / HP Automelodi

Den französischen Punk/Pop/Cold Wave von Automelodi nehme ich Met-nippend und Luft zufächernd (wichtigstes Accessoire dieses Jahr wieder mal: der Fächer) hin und wippe sogar im Takt mit. Fazit: So übel sind sie nicht. Und dann kommen endlich Tempers, für mich eine typische „Loft“-Band, die mich immer an einen großen Abschnitt meines Lebens und meine zweite langjährige Stammdisco erinnern wird und die ich erst kürzlich in Münchens Roter Sonne gesehen habe – ein großartiges kleines Konzert übrigens. Nicht mehr ganz rechtzeitig zum Bandanfang stoßen meine Freunde dazu. Mir gefällt neben den mitreißenden melodischen Cold-Wave-Klängen auch der aus der gewohnten Kleidungs-Reihe tanzende khakifarbene Overall, den die Sängerin Jasmine Golestaneh bei ihren letzten Auftritten immer trug, als käme sie gerade vom Flugzeughangar.
Nach dem Konzert geht es zu Fuß wieder in die Unterkunft, und wir beschließen, am Abend noch das Haus Leipzig aufzusuchen und uns [X]-Rx anzusehen, wozu zwei Freunde sich extra in Cyberwear werfen und ihre selbst gebastelten Elektrolumineszenz-Accessoires zum Einsatz kommen. Im Haus Leipzig ist es auch ziemlich warm. Ich muss zugeben, dies kann durchaus auch etwas für sich haben, wenn eine Menge oben herum unbekleideter Männer schweißglänzend um mich herum tanzt … Und ich sehe auch die restlichen gefühlt zehn Cybergoths, die dieses WGT besuchen, denn wir scheinen eine aussterbende Art zu sein. (Mir wurde deswegen auch schon spöttisch nahegelegt, auf einem am Pfingstmontag stattfindenden Protestmarsch gegen das Artensterben mitzulaufen.) Das Konzert zeichnet sich aber eher durch optische Genüsse als durch Band-Performance aus, denn erst mal gibt es wiederholte Technikprobleme und abgebrochene Songs sowie die Aufforderung zum Selbstsingen. Überhaupt quasseln mir die beiden Jungs auf der Band etwas zu viel Unsinn, aber das lockert die Partyatmosphäre wenigstens etwas auf, die durch die Hitze leidet, als wenigstens die Technik später doch funktioniert. Leider kapitulieren meine tanzenden Freunde auch vor der stickigen Luft und ziehen sich schon vor Konzertende nach draußen zurück. Wir beschließen, den Abend in der Hotellobby bei guten Cocktails oder in meinem Fall mit einer Tasse Tee wegen der Halsschmerzen ausklingen zu lassen.

Hier geht’s zum Samstag!

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