Album: Nairod Yarg – Nairod Yarg

Das Spiegelbild des Dorian Gray

pochette-nairod-yarg-hdWir rezensieren Nairod Yarg, Google Translate und ich. „Aufgabe oh so schwer!“, sagt es beim Übersetzen der französischen Homepage. Pah, sag ich, ganz einfach: Ihre Einflüsse nennen sie ja freundlicherweise gleich auf ihrer Homepage, und wer sich vorstellen kann, wie Oscar Wilde, Banksy, David Lynch und Virginie Despentes unter einem musikalischen Hut klingen, kann sich bestimmt auch vorstellen, was Nairod Yarg machen. Das Label, das die Band ihrer eigenen Musik gibt, ist schlicht „cold-loud“, und wer bin ich, das besser wissen zu wollen? Ansonsten: Die sind sehr, sehr gut. Fertig!

Extended version: Nairod Yarg sind Sébastien Ficagna und Rudy Centi aus Villefranche-sur-Saône (nahe Lyon), Frankreich. Sie kannten sich bereits von dem früheren Bandprojekt Plastic People, und als sie sich im Sommer 2018 beide ohne Band wiederfanden, forderten sie sich selbst und gegenseitig heraus: zehn Songs in zwei Monaten und einen Monat drauf den ersten Gig! Offenbar übererfüllten sie diese Vorgabe, denn auf ihrem selbstbetitelten Erstling finden sich bei einer Lauflänge von gut 34 Minuten sogar elf Songs. Wenn es denn eine Genre-Zuordnung geben muss, wäre Postpunk mit starkem Wave-Einfluss (der Bass! und der Drumcomputer!) und Noise-Rock-/Metal-Elementen (die Gitarre!) vermutlich nicht falsch – und käme doch nicht wirklich an das heran, was auf dieser Platte alles passiert.

Die Markenzeichen ihres Sounds werden schon im Opener „The garden“ gesetzt: Verzerrte Gitarre über einem dichten Bass, darunter ein duracellemsig dahindreschender Drumcomputer und darüber Sébastiens Vocals, die mich manchmal an Bauhaus, manchmal an Spiritual Front erinnern, vor allem aber eigene Maßstäbe setzen. Dazu auf den Punkt gebrachte Soundeffekte und in diesem Track noch exzellente Background Vocals von Anita Scotch (Little Boy). Zack, wach.
Mit „The rhum & me“ wird es etwas ruhiger, die Gitarre zieht am Horizont ihre verhallten Kreise, der Bass ist jetzt richtig Wave, die Drums klöppeln aufs Beste. Für meine Ohren klingt hier auch Goth Rock an, man könnte sogar einen Hauch von Post-Rock unterstellen, die Texturen sind wichtig, das Repetitive auch. „Taedium vitae“ wird von einem klirrend metallischen Sample und einem Chant eingeleitet, und was dann kommt, würde auch Bela Lugosi taugen: Gesang wie ein expressionistischer Stummfilm, die Gitarre kratzt wie die Geisterhand auf der Fensterscheibe hinter dir, draußen auf dem Meer hissen tote Piraten zerfledderte Segel, und der souveräne Bass hält alles zusammen. Ein Höhepunkt auf einem Album, auf dem eigentlich jeder Song sein eigenes Highlight ist.
Es folgt mit „Les mots brulants“ ein sehr guter und äußerst tanzbarer Wave-/Rock-Track mit Krachelementen und kleinen Überraschungen; den starken Refrain muss man einfach mitsingen, ob man nun Französisch kann oder nicht. Das Ding hat, wenn mich nicht alles täuscht, das Zeug zum Insider-Hit. An „Trophy“ entzücken der Bassteppich, die kaleidoskopartige Gitarrentextur, das Cembalo-Element im Break und das steampunkige Ende – großartig, und ein Song mit Soundtrack-Qualitäten, dem man die filmischen Einflüsse der Musiker anhört. Und dann wird wieder alles anders, denn „Angry radio“ ist rasend schneller Spoken Word Punk mit Effektvorhang. Man braucht möglicherweise eine Weile, um zu verstehen, dass man schon mitten im Track ist, aber in was für einem!
Der Übergang zu „Effortles“ ist nahtlos, es bleibt bei Punk, aus dem Zusammenhang gerissen und mit noisigem Shredder-Wave gekreuzt, mit Slide und Echo, Effektgewitter und billiger Cowbell. Und als wäre ich jetzt nicht ohnehin schon rettungslos verliebt, tönt mir als nächstes ein direktes Clap-Zitat aus einem meiner Lieblingssongs von den Kills entgegen; dazu gesellt sich eine Blecheimer-Gitarre, dann nimmt „Fall apart“ Fahrt auf. Das hat durchaus hymnische Anklänge, es ist durchaus Rock, ausgehebelt durch den Refrain, der mit seinen extremen Pan- und Filterfahrten und einem dünnen Leichtmetall-Lead dem Titel des Songs Ehre macht.
„A shadow runs away“ verlässt sich eingangs ganz auf Stimme, funkigen Bass, Ölfass-Drums, zu denen sich später noch Shaker und allerlei kleinere (virtuelle) Blechbehältnisse gesellen – supertrocken, bevor es mit Harmoniewechseln und ordentlich Reverb auf der Gitarre fabelhaft melancholisch wird und am Ende alles zusammenfindet. „Déesse“ hat etwas Alternativ-Folkiges, die Strophe mit Spoken Word vor wieder extrem reduziertem Percussion/Bass-Hintergrund wechselt zu einem Refrain, der bei mir nun wirklich Spiritual-Front-Reminiszenzen aufruft. Und dann entlässt einen allzu bald der letzte Track, „Cold kiss“, in nächtliche Weiten, in denen irgendwo hinter den sieben Bergen eine Gitarre rasenmäht. Platte oh so kurz und schon vorbei!

„Effortless“ ist nicht nur der Titel eines Tracks, das ganze Album klingt so: Es fließt, es treibt und gleitet mühelos zwischen abstrakt, noisy, tanzbar und, ja, (dunkel-)poppig. Kein Song ist wie der andere oder bleibt sich selbst ganz gleich, und alles ist aus einem Guss. Ungewöhnlich, einen Erstling mit so speziellem und vielseitigem Stil zu hören, der so extrem ausgereift und rund klingt. Meinem Gefühl nach wimmelt dieses Album außerdem von musikalischen Zitaten, ohne dass ich sie unbedingt benennen könnte – aber es ist immer viel mehr drin, als man vorher schon mal woanders gehört hätte. Hinzu kommt eine sagenhafte Gesangsstimme, wandelbar und unbemüht souverän im Ausdruck. Die Kirsche obendrauf ist der liebevolle Einsatz von Effekten, elektronischen Sounds und überraschenden Elementen insbesondere in den Breaks; hier wird nicht geklotzt, aber auch nicht gekleckert, langweilig wird es definitiv nicht. Und zu guter Letzt ist das Album auch noch gut gemischt, mit dem richtigen Raum für die einzelnen Elemente im dichten musikalischen Teppich.
Das Ganze braucht ein wenig Zeit zum Einhören, dafür hört es sich aber auch nicht ab. Mein allererstes Eindruck war: Hat was, ist aber auch extrem intensiv, um nicht zu sagen ein kleines bisschen anstrengend. Viele Durchgänge später finde ich dieses Album immer nur besser und besser, es ist in diesem an exzellenten und ungewöhnlichen Platten nun wirklich nicht armen Jahr ein völlig unerwartetes Highlight.

Letzte Frage: Der Bandname ist natürlich von Oscar Wilde entlehnt, aber stehen wir hier vor oder nach oder etwa in genau dem Moment, in dem er das Portrait auf dem Speicher zerstört, mit Dorian Gray vor dem Spiegel? Hört selbst.

Anspieltipp: Taedium vitae, Les mots brulants, A shadow runs away

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Nairod Yarg – Nairod Yarg
Pink Narcissus Music, 26.09.2019
LP (gelbes Vinyl, auf 200 Stück limitiert) 20,- Euro über die Homepage

https://www.nairodyarg.com/
https://www.facebook.com/nairodyargband
https://nairodyarg.bandcamp.com/

Tracklist:
The Garden
The rhum & me
Taedium vitae
Les mots brulants
Trophy
Angry radio
Effortless
Fall appart
A shadow runs away
Déesse
Cold kiss

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