Konzert: 23.-24.07.16 – 12. Amphi-Festival, Tanzbrunnen, Köln – der Samstag

Das Amphi ist wieder zu Hause!

IMG_8693So wurde es den Besuchern im März 2016 jedenfalls verkauft, der abrupte und für viele überraschende erneute Locationwechsel von der Lanxess-Arena zurück an den Tanzbrunnen. Eine wirkliche Erklärung dafür gibt es bis heute nicht, man munkelt, der Verkauf der Arena an einen asiatischen Investor sei der Grund dafür. Allerdings mochten auch viele Besucher die große, etwas unpersönliche Halle nicht und sehnten sich nach dem gemütlichen Ambiente des Tanzbrunnens zurück. Mir persönlich hat das neue Gelände letztes Jahr gut gefallen, die hervorragende Sicht in der Halle, Sitzplätze, Schatten, Klimatisierung – das Amphi ist traditionell ja immer eine Hitzeschlacht –, ausreichend und saubere Toiletten … ich war zuerst überhaupt nicht begeistert über den Rückzug zum Tanzbrunnen, zumal dieser mit Wegfall des Staatenhauses auch sehr viel beengter und kleiner geworden ist. Als dritte Bühne sollte neben der Main Stage und dem Theater das Schiff, das sonst nur am Freitagabend zur Verfügung steht, dienen und dauerhaft für das Wochenende am Tanzbrunnen liegen. Das Schiff ist ohne Zweifel toll, hat aber auch nur eine sehr beschränkte Kapazität. Wo also hin mit den ganzen Leuten, sieht man dann auch die Bands, die man sehen möchte? Wie lange werden die Schlangen an den Verpflegungsständen, Toiletten und am Einlass zu Theater und Schiff werden? Fragen, die die Festivalvorfreude bei mir doch ein wenig getrübt haben. Und wie war es dann letztendlich? Lest selbst.

IMG_8652Der Freitag beginnt für viele mit der mittlerweile schon traditionellen Schifffahrt, Oomph! und Apoptygma Berzerk stehen auf dem Programm, für mich nicht so verlockend, außerdem kann ich erst recht spät anreisen an dem Tag. Im Nachhinein bin ich dann auch froh, an Land geblieben zu sein, der Anschlag in München verdirbt mir die Feierlaune gehörig, und ich will auch für Freunde und Verwandte erreichbar sein und selbst nachforschen können, wie es meinen Leuten geht. Laut Bericht von Freunden war der Eröffnungsabend auf der RheinEnergie aber wie immer gelungen, und die Leute konnten Spaß haben.
IMG_8710Ich stehe dann am Samstag um Punkt halb elf auf dem Tanzbrunnengelände, das Tagesprogramm wurde noch mal ordentlich nach vorn gezogen, da auf allen drei Bühnen um 22.00 Spielende sein wird. Ein seltsames Gefühl, um elf schon der ersten Band zuzujubeln, aber [x]-Rx machen ihre Sache natürlich sehr gut. Die Kölner Amphi-Veteranen blasen uns mit ihren harten Beats und der bewährten Songmischung („Escalate“, „Hard Beats“, „Stage 2“, „Kein Herz“, u. a.) noch die letzten Schlafkörnchen aus den Augen, was die durchaus beachtliche Zuschauermeute mit tosendem Applaus quittiert. Klar, innovativ ist die Musik nicht, aber auf der Tanzfläche und auf der Bühne funktioniert das hervorragend. Besonders sympathisch finde ich die ältere Dame, die mit ihrer erwachsenen Tochter (sie sehen sich zumindest sehr ähnlich) in der dritten Reihe steht, ganz offensichtlich kein Szeneveteran ist, aber erst vorsichtig, dann immer sicherer bei [x]-Rx mittanzt und –jubelt. Chapeau!
IMG_8722Die beiden sind angesichts ihres rot-schwarzen Partnerlooks ganz offensichtlich wegen der nachfolgenden Solitary Experiments da, auf die ich mich auch freue. Ich schaue sie mir dann von weiter hinten an, mit Ausblick über die beeindruckende Zuschauerzahl. Das Set ist wie gewohnt eine gute Synthie-Pop-Mischung, die Darbietung könnte einen Tick energischer sein, aber sympathisch und mitreißend ist es natürlich auf jeden Fall. Zwischen „Trial and Error“ und „Stars“ spielen Solitary Experiments nach eigener Aussage „nur Hits“, darunter auch einen neuen Song – der aber sicher auch ein Hit werden wird.
IMG_8766Nach kurzer Essenspause ist es dann Zeit für den ersten Abstecher ins Theater, Dirk Ivens gibt sich mit Dive die Ehre. Das ist dann auf jeden Fall schon mal das erste Highlight des Tages, der viel beschäftigte Belgier beherrscht allein und mit Megaphon die Bühne, und es ist einfach großartig. Die reduzierten, verstörenden elektrischen Rhythmen, oft verzerrt, die harschen Vocals von Dirk – so schafft man eine einzigartig brutale, düstere und trotzdem höchst tanzbare Atmosphäre. Ganz, ganz toll!
Danach statte ich dem Schiff den ersten Besuch ab, um mir Laura Carbone und Lebanon Hanover anzuschauen. Die junge Mannheimerin gefällt mir mit ihrer Band dann richtig gut, die rockigeren, alternativeren Töne sind eine schöne Abwechslung zu den bisherigen elektronischen Bands und eine tolle Entdeckung, ich werde sie auf jeden Fall im Auge behalten. Lebanon Hanover habe ich vor zwei Jahren in Leipzig schon mal gesehen, bei gefühlten 50 Grad, daher freue ich mich auf eine klimatisierte Wiederholung. Larissa Iceglass und William Maybelline verbreiten auch wie erwartet eine angenehm IMG_8798melancholisch-unterkühlte Atmosphäre. William übernimmt heute viele Gesangsparts, was mich etwas überrascht, aber das tut der Musik natürlich keinen Abbruch. Eine Band mit wirklich ganz eigenem Sound und definitiv hörenswert!
Die nachfolgenden Whispers in the Shadow hätte ich dann sehr gerne (mal wieder) gesehen, doch mein maroder Kreislauf macht einen Abstecher ins Hotel nötig. Etwas erholt will ich mir dann später Neuroticfish im Theater ansehen – endlich, bisher hat es noch nie mit dieser Band und mit mir geklappt, aber die schier unendliche Schlange am Einlass überzeugt mich, dass ein gepflegter Bummel übers Gelände, entspanntes Shoppen, traditionelles Quatschen am Hands-Stand und ein Liegestuhl im Beach Club für diesen Abend die bessere Alternative sind. Peter Heppner ist von der Main Stage aus zu hören, er konzentriert sich auf die alten Wolfsheim-Hits, und das ist natürlich der perfekte Soundtrack für einen lauschigen Abend am Rhein. Aus Erzählungen erfahre ich danach, dass Aesthethic Perfection, Neuroticfish und Front Line Assembly das Theater geradezu zerlegt haben, großartige Stimmung, kein Sauerstoff, Einlassstopp – tolle Auftritte der Bands also, aber das Theater ist definitiv zu klein für solche Publikumsmagneten.

Wer möchte, kann den Samstag auf der Aftershowparty im Theater ausklingen lassen, am Rhein im Beach Club oder wie ich gemächlich ins Hotel zurückgehen – mit langem Ausschlafen ist am Sonntag nämlich nichts!

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Hier geht’s zum Sonntag!

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