Konzert: 23.-24.07.16, 12. Amphi-Festival, Tanzbrunnen, Köln – der Sonntag

IMG_8825-2Der Sonntag beginnt auch wieder elend früh, um elf eröffnen Beyond Obsession den Tag, und auch sie spielen erfreulicherweise vor einer großen Schar Frühaufsteher. Das Wetter ist im Vergleich zum gestrigen Waschküchentag (bedeckt, schwül wie Hölle, regnerisch) heute etwas erträglicher, weil trockener, es wird allerdings sehr, sehr heiß und sonnig – wie immer auf dem Amphi. Beyond Obsession habe ich erst ein paar Tage vorher in München gesehen, hier auf der größeren Bühne gefallen sie mir noch etwas besser, mehr Bewegungsfreiheit tut Nils Upahl gut, und Songs wie „Unwinnable War“ oder „Song for the Dead“ kommen noch mal eindringlicher rüber. Nils und André machen ihre Sache bei ihrem ersten Amphi-Auftritt als Tagesopener richtig gut und werden mit verdientem Applaus belohnt.
IMG_8847-2Ich kann sie mir leider nicht ganz ansehen, denn im Theater rufen Xotox nach mir. Das Projekt von Andreas Davids, das wie ich finde einzigartig Industrial, Techno, Noise und ganz viel Tanzbarkeit mischt, existiert seit 1998, heute auf dem Amphi wird es ein Special Set mit Songs von 2002 bis 2016 geben – ein echter Leckerbissen also! Pünktlich entern Andreas Davids und ein mir unbekannter Kollege (nach Recherche: Marco Aehm, DJ und Soundtüftler) die Bühne – Ehefrau Claudia, die sonst mit dabei ist, hütet den Nachwuchs, wie ich später erfahre. Die beiden Herren sind trotz der frühen Stunde hellwach und bestens aufgelegt, das Publikum ist spätestens ab dem zweiten Song voll dabei. Voll ist das Theater nicht, zu extrem der Sound von Xotox, aber die Anwesenden tanzen ekstatisch und lassen sich von den brachialen Lärmkaskaden davontragen. „Slå tillbaka“ (so ein großartiger Song!), „Eisenkiller“ und wie die neuen und alten Hits alle heißen – die Wände wackeln, Andreas und Marco grinsen übers ganze Gesicht und haben einen Riesenspaß bei dem Auftritt, das ist wirklich toll. Viel zu schnell ist das Lärmfrühstück leider vorbei, und wir müssen zurück in die herunterbrennende Sonne. Tüsn auf der Main Stage treiben mich dann mit ihrem für meine Ohren sehr unausgegorenen … ja, was eigentlich? Düster-Melancholie-Rock? … schnell in den IMG_8891Beach Club, wo ich mir bis zum Auftritt meiner Lieblinge The Beauty of Gemina einen Schattenplatz mit Lüftchen vom Rhein sichere. Zurück im jetzt proppenvollen Theater genieße ich dann einen der besten Auftritte der Schweizer, den ich je von ihnen sah (und ich habe sie schon oft gesehen) – perfekte Songauswahl, kompakt und richtig hart heruntergezockt, eine gefühlvolle Ansprache zu den Ereignissen in München und anderswo nach dem Titel „The Hunters“ („Wir lassen uns nicht jagen!“), guter Sound und diese ganz besondere BoG-Atmosphäre, die mir immer wieder Gänsehaut bereitet. Höhepunkt ist natürlich „Lonesome Death of a Goth DJ“, das die Halle zum kollektiven Tanzen bringt. Ganz, ganz stark, und ich freue mich schon sehr auf den Auftritt der Band in München im Herbst!
Danach geht es rasch hinaus zur Main Stage, um noch einen Schattenplatz bei Solar Fake zu bekommen. Das klappt auch, aber so weit hinten, dass ich von Sven und André kaum was sehe (wie gut, dass sie vor ein paar Tagen in München waren!). Egal, gefeiert und getanzt wird trotzdem, auch mit reduzierter Festivalsongauswahl ist ein Solar-Fake-Auftritt immer etwas Großartiges. Die Musik funktioniert sowohl in kleinen Clubs (da ist es natürlich etwas familiärer und intensiver), als auch auf großen Bühnen, kann auch bekennende Skeptiker nach wenigen Liedern überzeugen und macht – ja, ich wiederhole mich, aber das muss immer wieder gesagt werden – einfach nur glücklich. „Not what I wanted“, „Under Control“, die Hymne „More than this“, „Where are you“, bei dem ich wie immer ein bisschen weinen muss – alles wie immer großartig und mitreißend. Der Platz vor der Main Stage ist bis auf den letzten Zentimeter gefüllt, eine wirklich beeindruckende Kulisse.
IMG_8924Danach verziehe ich mich schnell aufs klimatisierte Schiff, wo Devil & the Universe ihren im letzten Jahr vom Sturm betroffenen Auftritt nachholen. Die Österreicher mit den Ziegenmasken und schwarzen Kutten verbreiten selbst am helllichten Nachmittag mit ihrem Sound aus Trommeln und Synthie-Teppichen eine düster-okkulte Atmosphäre, die definitiv etwas Besonderes ist. Schön, dass das Amphi auch solche Bands immer wieder ins Programm aufnimmt!
Die nachfolgenden Faderhead ziehen massig Leute aufs nicht allzu große Schiff, was eine amtliche Party zu werden verspricht – doch meine Party findet auf der Main Stage statt, IMG_8930Covenant stehen auf dem Programm. Ich hoffe auf einen Platz etwas weiter vorne, aber keine Chance – wer nicht bei Faderhead auf dem Schiff ist, drängt sich hier vor der Bühne, Covenant sind definitiv eines der Highlights des Festivals und eigentlich auch viel zu früh in der Running Order. Egal, alle machen das Beste aus früher Spielzeit und drängender Enge, unsere drei Lieblingsschweden (bzw. zwei, heute ist Daniel Myer wieder als dritter Mann dabei) rocken vom ersten Ton von „Bullet“ an den Tanzbrunnen. Eskil im schwarz-weißen Dreiteiler (der Mann scheint nie zu schwitzen) und mit immer noch ungewohnter Glatze und schwarzer Kastenbrille springt wie gewohnt über die Bühne, hält verschwurbelt-liebenswerte Ansprachen und singt nach den ersten ein wenig schiefen Tönen bei „Bullet“ wie ein junger Synthie-Gott. Die Songauswahl ist der absolute Hammer, „Thy Kingdom come“ ist Gänsehaut pur, bei „Figurehead“ – was extrem selten live gespielt wird und quasi nie auf Festivals – will ich die ganze Welt umarmen, bei „The Men“ über den Tanzbrunnen wirbeln, „Ritual Noise“ und „Call the Ships to Port“ sind wie immer einfach nur großartig, „Dead Stars“, eines ihrer besten Lieder aus der früheren Phase, bringt noch den letzten zum Tanzen, und beim „Leiermann“ singt alles mit. Mit „Sound Mirrors“ gibt es auch schon die erste Single vom im Herbst erscheinenden Album The blinding Dark zu hören – eingängig, typisch Covenant, sehr viel versprechend. Nach einer Stunde ist dieser viel zu kurze Auftritt schon wieder vorbei – wie gut, dass Covenant im November nach München kommen!
Danach würde ich mir gern Project Pitchfork ansehen, aber es wird noch voller vor der Main Stage, die Sonne brennt immer noch, der Sound ist durchwachsen und dröhnt – Zeit für einen Zwischenstopp im Beach Club, ein bisschen sitzen und quatschen.
IMG_8974Als letzte Band für mich stehen dann Spiritual Front auf dem Schiff auf dem Programm, für die ich sogar die Editors sausen lasse, die ich wirklich gern gesehen hätte. Aber ich bin froh um meine Entscheidung, die Italiener um den charismatischen Simone „Hellvis“ Salvatori liefern eine sensationelle Show, das Publikum aus Die-Hard-Fans macht Stimmung ohne Ende, und es ist genau richtig, dass nur wenige Leute da sind – mehr Platz zum Genießen, zum Tanzen, zum Feiern. Die Songs sind alle wohlbekannt, Höhepunkt ist natürlich „Bastard Angel“, bei dem keiner mehr stillsteht. Simone Salvatori wirbelt in bester Elvis– und Johnny-Cash-Manier über die Bühne, lebt seine Musik und überzeugt mit Aussagen wie, jeder solle doch bitte nach seiner Fa­çon und seiner Sexualität glücklich werden.

Nach diesem letzten Konzert des Amphi 2016 geht es wieder zurück in den Beach Club, der erfreulicherweise dieses Jahr länger offen hat als die letzten Jahre, und auch auf die nervige Flaschenkontrolle verzichtet. Die wunderbare Strandlandschaft gehört dieses Jahr ganz dem Schwarzvolk, und das ist gut so. Der Ausklang mit Rheinblick ist einfach unbezahlbar, auch wenn sich leichte Melancholie breitmacht, weil das Amphi 2016 schon wieder vorbei ist.

Toll war es, wirklich toll, trotz für mich widerlichem Wetter. Ich habe die Arena zwar in Sachen Sound, Sicht auf die Bühne, Platz und Klimatisierung wirklich vermisst und hätte mir auch da wieder ein schönes Amphi vorstellen können, aber insgesamt hat der Umzug aufs Tanzbrunnengelände doch sehr viel besser funktioniert als befürchtet. Es gab (auch dank des Staatenhauses) genügend Toiletten, die Schlangen beim Essen und Trinken hielten sich auch in Grenzen, der neue Außenbereich zwischen Gelände und Schiff mit Futter- und Händlerständen und vielen Sitzgelegenheiten war eine wirkliche Bereicherung, und die Security war wieder sehr freundlich. Einzig die Bühnensituation ist noch nicht ideal – das Theater ist einfach viel zu klein für die großen Bands, die sonst im Staatenhaus gespielt hätten. Dass der Eingang zum Theater außerhalb des Geländes lag, ist nachvollziehbar, hat aber für die Besucher eine neue Warteschlange und eine erneute Taschenkontrolle nach sich gezogen. Vielleicht kann man da noch nachbessern. Insgesamt hat man aber gemerkt, dass die Veranstalter sich viele Gedanken gemacht und im Vorfeld berechtigt geäußerte Kritik ernst genommen haben. Die Herabsetzung des Kartenkontingents auf 12.000 Tickets war ebenfalls sehr gut und wird hoffentlich beibehalten. Eng und voll war es immer noch, aber sehr viel angenehmer als früher. Essen und Trinken ist am Tanzbrunnen ja ein leidiges Thema – trotz etwas erweitertem Angebot war es leider nicht wirklich genießbarer, billiger auch nicht, im Gegenteil. Die Getränkepreise waren hoch wie immer, aber es gab wieder die kostenlose Trinkwasserstelle und einen Bonaqua-Stand, an dem die Halbliterflasche gekühltes Wasser nur drei Euro gekostet hat – ja, immer noch viel, aber immerhin haben die Veranstalter versucht, gegen den Preiswahn der Tanzbrunnen-Caterer anzugehen. Dafür wurde das Essen im Außenbereich gelobt, vor allem der Flammlachs.

Insgesamt war es wirklich ein tolles Wochenende unter Freunden, nächstes Jahr bin ich natürlich wieder dabei!IMG_8999

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