Dankeschön bitteschön wunderschön!

Ein „Heavy Metal Wednesday“, und das Backstage Werk ist fast ausverkauft? Wie kommt das? Nun, wenn die finnischen Meister der todesmetallischen Melancholie Insomnium zum verträumten Haareschütteln bitten, dann hat man gefälligst zu erscheinen – selbst in diesen an Metal-Highlights wahrlich nicht armen Novemberwochen. Wer’s ein bisschen unmelodiös-brachialer mag, für den grunz-brüllen sich The Black Dahlia Murder heute durch den mittleren Bandslot, und Stam1na aus dem finnischen Thrash-Untergrund dürften die großen Unbekannten des Abends sein. Drei Bands, drei Stilrichtungen – das kann gutgehen, aber auch zu einem Wechselbad des Interesses werden im Publikum. Abwechslungsreich wird es jedenfalls sicher, und das schadet ja auch nichts.
DSC_1872Fast pünktlich um kurz nach halb acht entern dann die Finnen Stam1na die Bühne, deren Namensschreibweise nicht zu Thrash Metal passen will, die Bedeutung aber vielleicht zu Finnland? Immerhin ist die dortige Nationaleigenschaft „sisu“, also Durchhaltevermögen, Zähigkeit und ein bisschen Starrköpfigkeit. Das wiederum passt hervorragend zur Musik von Stam1na, die ohne Rücksicht auf Verluste drauflosbolzt und uns erst einmal ordentlich die Haare nach hinten föhnt. Musikalisch herrscht bei Songs wie „Paha arkkitehti“ („Der böse Architekt“), „Sudet tulevat“ („Die Wölfe kommen“) oder „Pienet vihreät miehet“ („Kleine grüne Männer“) kontrolliertes Chaos, das unglaublich Spaß macht, persönlich überzeugen die Musiker mit typisch trockenem finnischem Humor à la: „We sing in Finnish – so sing along!“ Dass es der seit Mitte der Neunzigerjahre aktiven Band aber nicht nur um möglichst erbarmungsloses Knüppeln geht, zeigen die immer wieder aufblitzenden und toll gespielten Gitarrensoli, und auch der Klargesang von Sänger Antti Hyyrynen entspricht so gar nicht dem üblichen Thrash-Klischee. An dem scheiden sich dann zwar auch die Geister, mir gefällt er gut. Überhaupt mausern sich die Finnen für mich zur Entdeckung des Abends, spätestens als bei „Viisi laukausta“(„Fünf Schüsse“) auch leichte Humppa-Rhythmen miteinfließen. Mit „Enkelinmurskain“ (sinngemäß „Gebrochene Engel“) vom aktuellen Album Taival geht ein sehr unterhaltsamer Auftritt zu Ende, und nach der guten Stimmung im Publikum zu schließen, werde nicht nur ich mir die Band merken. Das pornös lila-glitzernde Drumset trägt jedenfalls definitiv zum bleibenden Eindruck bei.

DSC_1905Nach kurzer Umbaupause geht es mit The Black Dahlia Murder schon weiter, die von großen Teilen des Publikums frenetisch empfangen werden. Die Amis, die sich technischem Death Metal mit großen Hardcore-Einflüssen verschrieben haben, legen mit „Widowmaker“ und „Jars“ vom aktuellen Album Nightbringers aus dem Jahr 2017 gleich amtlich los, von dem es im Lauf des Auftritts insgesamt sechs Songs zu hören geben wird. Man springt recht wild durch die Bandhistorie, „Contagion“ stammt zum Beispiel vom 2003er-Album Unhallowed, „Miasma“ vom gleichnamigen Album aus dem Jahr 2005. Musikalisch und gesanglich gibt’s wenig Variation, aber die Fans wollen genau das, sodass sich der zunächst noch etwas zaghafte Fünf-Mann-Moshpit nach und nach zu einem recht ordentlichen Geschubse auswächst. Sänger Trevor Strnad bedankt sich zwischendurch für die „positivity“ und verlangt nach Lärm. Das Publikum kommt dem Wunsch nur zu gern nach und strapaziert fleißig die Nackenmuskeln, als es mit „Nightbringers“ (für mich endlich) etwas abwechslungsreicher wird. Auch „As good as dead“ und „Kings of the nightworld“ vom aktuellen Album stechen ein wenig heraus, was das Publikum auch mit großem Beifall honoriert. Nach dem finalen Abriss „Everything went black“ und „Deathmask divine“ vom 2007er-Album Nocturnal wirken die Fans der Band sehr glücklich. Mich haben The Black Dahlia Murder leider auch bei meinem zweiten Konzert von ihnen überhaupt nicht erreicht, aber auch ganz neutral lässt sich sagen, dass die Band ihr Set sehr tight und engagiert gespielt und das Publikum begeistert hat. Und darauf kommt es ja schließlich an.

DSC_1990Als die Stimme des wunderbaren Tapio Rautavaara mit „Peltoniemen hintriikan surumarssi“ ertönt, bin ich allerdings sofort wieder glücklich. Der große finnische Sänger hat Insomnium zu einem Song auf dem neuen Album Heart like a grave inspiriert, und da ist es absolut passend, ein bisschen herzzerreißende Melancholie kurz vor dem Auftritt zu verbreiten. Die ist dann aber sofort wieder verflogen, als die vier um das brandneue Bandmitglied Jani Liimatainen (früher Gitarre bei Sonata Arctica und anderen finnischen Bands; aktuelles Projekt The Dark Element mit Ex-Nightwish-Sängerin Anette Olzon) kommen und mit viel Jubel empfangen werden. Mir ist tatsächlich ein bisschen entgangen, wie groß Insomnium in den letzten Jahren geworden sind, und heute wird mir das bei dem Meer an emporgestreckten Armen erst richtig bewusst. Vom ersten Moment an herrscht eine wirklich zauberhafte Stimmung im Werk – und ja, trotz Death Metal trifft es dieses Adjektiv. Insomnium schaffen es, mit traumhaften Melodien, weiten Klanglandschaften und trotzdem ordentlich Härte, aber vor allem durch die spielerische Perfektion (die dementsprechend spielerisch leicht wirkt) wirklich jeden mitzureißen und bis hinten zur Bar zu begeistern. „Valediction“ und „Neverlast“ vom neuen Album sind bereits gut bekannt und werden fleißig mitgebangt, „Into the woods“ nimmt uns mit ins Jahr 2009 zum Album Across the dark, und bei „Through the shadows“ wird das glückliche Lächeln auf vielen Gesichtern noch breiter. Die Band wechselt geschickt zwischen neuen Songs („Pale morning star“, „And bells they toll“) und älteren Klassikern („Change of heart“, „Ephemeral“) ab, und Sänger/Bassist Niilo Sevänen bedankt sich zwischendurch immer wieder breit grinsend beim völlig verzückten Publikum: „Dankeschön bitteschön wunderschön!“ oder „Super! Sehr gut!“ Nach „Mute is my sorrow“ gibt’s eine kleine „commercial break“, in der auf dem Merchstand hingewiesen wird, und die Verschnaufpause ist vor dem Nackenbrecher „Ephemeral“ auch ganz sinnvoll. Leichtes Chaos bricht aus, als Niilo vor dem letzten regulären Song das Publikum fragt, was es denn hören möchte. Natürlich kann man sich nicht einigen, geschweige denn, dass aus den gleichzeitig erklingenden Wünschen auch nur ein Songtitel zu erkennen wäre, weshalb die Band kurzerhand doch das spielt, was auf der Setliste steht: „In the groves of death“.
Nachdem wir alle einfach nur glücklich sind, darf das Konzert natürlich noch nicht vorbei sein, und zum Glück sehen Insomnium das genauso. Die Zugabe hat es mit dem Überklassiker „While we sleep“ auch richtig in sich, hier lassen sich alle von der Melodie davontragen und feiern Band und Song wirklich gnadenlos ab. Dann gibt es eine kleine Überraschung, als sich die Gitarristen Markus und Jani mit Cowboyhüten an den Bühnenrand setzen und nach einigen amüsanten Schlagabtäuschen auf Finnisch mit Fans in den ersten Reihen „One for sorrow“ akustisch vortragen. Plötzlich wirkt das große, rappelvolle Werk wie ein kleines Wohnzimmer, in dem man mit ein paar guten Freunden sitzt und Musik hört – ganz ruhig, ganz intim. Ein toller Moment, der diesen Auftritt nur noch perfekter macht. „Heart like a grave“ vom aktuellen Album mobilisiert dann noch mal die letzten Kräfte, bevor dieser Heavy Metal Wednesday schließlich zu Ende ist.

Insomnium liefern einen vom ersten bis zum letzten Moment großartigen Auftritt ab, bei dem heute wirklich alles passt. Die Band zockt unglaublich lässig und sichtbar freudig die komplexen Songs herunter und überträgt diese Stimmung auf das Publikum. Das wiederum lässt sich nur zu bereitwillig von dieser Perfektion auf die Reise in düsterschöne Weiten mitnehmen und dankt es dem Vierer mit kaum enden wollendem Beifall und verzauberten Gesichtern.
The Black Dahlia Murder haben ihre Fans mit dem kompletten Kontrastprogramm ebenfalls begeistert, und Stam1na haben mit unbekümmertem, aber ganz und gar nicht dilettantischem Lärm mindestens mit mir einen neuen Fan hinzugewonnen.

Dankeschön bitteschön wunderschön! (Oder hat Niilo eigentlich „Dankeschön bitteschön, München“ gesagt? Egal, vielleicht muss man nicht immer alles korrekt verstehen.)

:mosch: :mosch: :mosch: :mosch: :mosch:

Setlist Insomnium:
Intro
1. Valediction
2. Neverlast
3. Into the woods
4. Through the shadows
5. Pale morning star
6. Change of heart
7. And bells they toll
8. Mute is my sorrow
9. Ephemeral
10. In the groves of death

11. The primeval dark
12. While we sleep
13. One for sorrow (akustisch)
14. Heart like a grave

(1271)