Mythen im Metal: Die Berserker

Berserker – die irrsten Krieger aller Zeiten?

Man stelle sich einen friedlichen, angelsächsischen Mönch vor, der sein Leben mit Beten verbracht und wahrscheinlich noch nie sein Kloster verlassen hat. Aus heiterem Himmel stehen diesem armen Kerl plötzlich halbnackte, bärtige Krieger mit irren Augen gegenüber, die aus purer Kampfeslust in ihre Schilde beißen und ohne Rücksicht auf Verluste jeden niedermachen, der ihnen im Weg steht. Klingt übel, oder? Aber in etwa so werden die legendären Berserker für gewöhnlich geschildert. Kein Wunder, dass es diverse Metal-Bands gibt, die den Mythos zum Anlass nahmen für Bandnamen, Alben oder Songtexte.


Waren die Berserker wirklich so irre? Nun, schenkt man den schriftlichen Quellen Glauben, sieht es fast danach aus. Sowohl in den Sagas als auch in den Aufzeichnungen christlicher Mönche werden die Berserker übereinstimmend als extrem beängstigend geschildert. Vor dem Kampf beißen sie in ihre Schilde und heulen wie wilde Tiere, dazu kämpfen sie mit entblößtem Oberkörper und zum Teil sogar völlig ohne Deckung. Oft wird der „Berserkergang“ als eine Art Rauschzustand beschrieben.

Schachfigur aus Walroßelfenbein, Teil der Lewis-Chessmen, der in seinen Schild beißt

Logisch, dass die Berserker immer wieder Gegenstand wissenschaftlicher Analysen waren. Ganz besonders spannend ist die Frage, wie sie wohl in ihren Rausch versetzt wurden. Da werden diverse Theorien vorgeschlagen, manche plausibel, viele absurd. Einige davon sind:
Genetische Erkrankungen wie Paget’s Disease (Verwachsung der Schädelknochen, die dann aufs Hirn drücken und Aggressionen hervorrufen): eher wenig plausibel, wie hätte sonst ein Berserker wie Egill Skallagrímsson je aus seinem Rausch herauskommen und komplizierte skaldische Dichtung verfassen können?
„Magic Mushrooms“: eher unplausibel, schließlich macht dieses Zeug meistens eher schläfrig als furchtlos.
LSD aus Mutterkorn: wurde auch verworfen, sie hätten sich damit binnen kürzester Zeit selbst vergiftet. Und einige berühmte Berserker sind laut der Sagas ziemlich alt geworden.
Autosuggestion: durchaus eine Möglichkeit, erklärt aber nicht spontane Ausbrüche wie zum Beispiel in der Egils saga.
Psychische Krankheiten: auch möglich, aber warum finden dann entsprechende Episoden immer genau zu Beginn einer Schlacht statt?

Wenn man nun aber keine vernünftige Erklärung für den Berserkergang hat, sollte man sich eventuell fragen: Fand das Ganze denn wirklich so statt? Wer die Sagas genau liest, wird sein blaues Wunder erleben. In den allermeisten Fällen nämlich läuft ein Berserkergang sehr ritualisiert und nur vor der eigentlichen Schlacht ab – im Kampf waren die Berserker zwar mörderische Gegner, aber komplett bei Sinnen. Es besteht also durchaus die Möglichkeit, dass das In-die-Schilde-Beißen und Heulen eher ein Ritual war, das die Gegner verängstigen und demoralisieren sollte. Wenn man sich die zeitgenössischen christlichen Quellen so ansieht, hat das wunderbar funktioniert, und die Berserker wurden zu unbesiegbaren Irren verklärt, denen man sich bloß nicht in den Weg stellen sollte.

Wie sie wirklich waren, ob nun irre oder krank oder auf Drogen oder einfach nur geschickt in psychologischer Kriegsführung, wird sich leider nicht mehr klären lassen. Aber ein gutes Motiv für Albencover geben sie auf jeden Fall ab.
Falls nun das Interesse an den Berserkern geweckt ist, darf ich wärmstens meinen geschätzten Kollegen Ruarigh Dale empfehlen, der sich seit Jahren mit diesem Thema auseinandersetzt: http://ruarighdale.wordpress.com

 

Bildquelle: Wikipedia.

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