Urban Fantasy vom Feinsten

Aloysius „Al“ MacBharrais ist ein freundlicher, älterer Herr mit Melone und gepflegtem Schnauzer, der im Eastend von Glasgow eine Druckerei betreibt. Das ist zumindest der Eindruck, den die normale Gesellschaft von ihm hat. In Wirklichkeit ist Al ein Siegelagent – ein Mensch der zwischen unserer Welt und den zahllosen Dimensionen von Göttern und Feenwesen steht, und sichergeht, dass die Verträge zwischen den Welten eingehalten und Vertragsbrüche bestraft werden. Dabei hat er Hilfe von seiner Druckereimitarbeiterin Nadia, die in ihrer Freizeit gern Typen verprügelt, die dreimal so groß sind wie sie, und von seinem Auszubildenden Gordie. Zumindest bis Gordie tot aufgefunden wird und Al plötzlich feststellen muss, dass sein verstorbener Schüler die Finger nicht nur in Zaubertinten und magischen Siegeln, sondern auch in richtig schmutzigen Geschäften hatte.

Tinte und Siegel ist der Auftakt zur Chronik des Siegelmagiers Reihe, und spielt in der gleichen magischen Welt wie auch Autor Kevin Hearnes derzeit neunteilige Debütreihe der Chronik des Eisernen Druiden. In seinen Geschichten vermischt Hearne Urban Fantasy mit reichlich Mythologie aus allen möglichen Kulturen, bleibt dabei in seinem Erzählstil aber entspannt und flüssig, sodass man seine Bücher einfach nicht beiseite legen kann. Man begegnet Feenwesen und Göttern, dämonischen Hunden und abtrünnigen CIA-Agenten, und das alles ist stets begleitet von cleveren, flapsigen Bemerkungen und charmanten Charakteren, die man schnell ins Herz schließt. Dabei ist aber auch hier und da ein ernster Unterton versteckt, insbesondere die Thematik Menschen-/Feenhandel holt die Geschichte zumindest mit einem Bein aus der romantischen Fantasywelt und auf den schmutzigen Boden der Urban Fantasy Realität. Dadurch erhält sie ein zusätzliches Level an Spannung und Realitätsbezug, den ich sonst nur von Ben Aaronovitch’s Peter Grant Reihe kenne.

Hearne hat außerdem ein Händchen dafür, jede Geschichte befriedigend abzuschließen, und gerade genug Hinweise zu hinterlassen, damit der Leser weiß, dass es weitergeht und Interesse an der Entwicklung der Charaktere hat, aber er greift dabei nie zu bösartigen Cliffhangern oder lässt den Leser mit halb angedeuteten Handlungsfäden hängen.

Außerdem spielt Tinte und Siegel in meiner Wahlheimat Glasgow und ist ziemlich gut recherchiert – von der Wandmalerei von St. Mungos bis hin zum Cafe am St Enoch Square und den dreckigen „Deine Mudder“ („Yer Maw“) Witzen der indigenen Bevölkerung und ist schon allein deswegen ein Schmankerl für Fans von Schottland, Mythologie und unterhaltsamer Urban Fantasy. Auch wenn die Übersetzung des einzigartigen Dialekts zum Teil etwas holprig ist, aber man liest sich schnell ein.

Allgemein ist Tinte und Siegel eine unterhaltsame Geschichte, an der der Leser einfach unheimlich viel Spaß hat, und eine Empfehlung vor allem für Fans von Atticus O‘Sullivan (dem zuvor erwähnten Eisernen Druiden) oder Peter Grant. Der zweite Teil der Reihe erscheint im August im englischen Original und ich hoffe, dass eine Übersetzung es auch bald in deutsche Buchläden schaffen wird.

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Kevin Hearne: Tinte & Siegel: Die Chronik des Siegelmagiers 1
Klett-Cotta Verlag, Vö. 20. Februar 2021
384 Seiten
Klappenbroschur
€ 15,00

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Klett-Cotta

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