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Film/DVD: Henric de la Cour

Chasing Dark

cover-henric-de-la-cour-dvdPaul Henric Dornonville de la Cour, geboren 1974 in Eskilstuna, ist seit zwanzig Jahren nicht mehr aus der schwedischen Musikszene wegzudenken. Den großen Durchbruch schafft der charismatische Hüne mit der Düster-Indierock-Band Yvonne, die zum Beispiel auch im Vorprogramm der (International) Noise Conspiracy durch Europa – und das Münchner Feierwerk – tourt. Vier großartige Alben veröffentlicht die Band, dann ist Schluss. Mit Strip Music macht Henric weiter und verfolgt eine ähnliche, aber etwas rockigere Ausrichtung. Nach zwei Alben bricht auch diese Band auseinander (Christian „Kitte“ Berg ist übrigens seither die zweite Hälfte von Kite). Seit 2011 ist Henric schließlich solo unterwegs, sehr viel reduzierter, elektronischer, aber immer noch mit den großen Melodien und dem inneren Schmerz, den man schon von seinen früheren Projekten kennt. Henric de la Cour und Mandrills sind seine bisher veröffentlichten Alben, jedes voller einzigartiger düsterer Perlen.
Seit 2014 gibt es nun auch einen Dokumentarfilm über diesen vielschichtigen, geheimnisvollen Mann.

Henric de la Cour wirkt düster, sein eigenartiger Iro, das unbewegte Gesicht, die beinahe zwei Meter große, schlaksige Gestalt, die schwarze Kleidung – so weit, so normal. Was bis zu diesem Dokumentarfilm von Jacob Frössén allerdings nur seine Familie und die allerengsten Vertrauten wissen, ist, dass Henric seit seiner Kindheit an Mukoviszidose leidet (oder zystischer Fibrose, wie die Krankheit in Schweden heißt) und eine Lebenserwartung von knapp fünfzehn Jahren hatte.
Mukoviszidose ist eine schwere, genetisch übertragbare Lungenkrankheit, die allerdings Auswirkungen auf den gesamten Körper hat, je nach Genmutation und individueller Ausprägung. Die Lunge verschleimt ständig, das Sekret muss mühsam abgeklopft und abgehustet werden, was jeden Tag Stunden in Anspruch nehmen kann. Infolgedessen kommt es neben Atemnot und Kurzatmigkeit zu häufigen Lungenbeschwerden bis hin zu -entzündungen. Außerdem sind die Schweißdrüsen und die Bauchspeicheldrüse betroffen, ebenso wie der Verdauungsapparat, der ebenfalls unter dem zähen Sekret im Körper leidet, und die Fortpflanzungsorgane. Eine Heilung gibt es nicht, nur mit den Jahren immer bessere Medikamente, sodass die Lebenserwartung der Betroffenen langsam steigt.

Der Film setzt ein, als Henric etwa Mitte Dreißig ist, und konzentriert sich vor allem auf sein Leben mit der Krankheit. Erst will er nicht darüber sprechen, schon seit seiner Kindheit schämt er sich der Beschwerden, isoliert sich von Familie, Freunden und Bekannten, selbst jetzt noch als Erwachsener. Seine Eltern werden gezeigt, die ihre lebenslange Sorge um ihr Kind aussprechen und das Bedauern darüber, dass er sich so zurückzieht. Seine Lebensgefährtin kommt zu Wort, mit der er sich eine Art stabiles Leben aufgebaut hat, mit der er sogar – entgegen aller Erwartungen, Männer mit Mukoviszidose sind normalerweise unfruchtbar – nach dem ersten In-Vitro-Versuch einen Sohn bekommt, Nico. Seine Solokarriere nimmt zu diesem Zeitpunkt bereits Gestalt an und wird im Film aufgegriffen, nachdem alte Yvonne– und Strip-Music-Zeiten ebenfalls angeschnitten und Weggefährten interviewt wurden – allerdings zu ihm als Mensch und Persönlichkeit, nicht zu seiner Krankheit. Eine witzige Szene ist bei einer Musikgala zum Thema Mukoviszidose, bei der Henric neben den ganzen großen schwedischen Schlagerstars auftritt. „Alle singen vom Leben, nur Henric singt vom Tod“, sagt er selbstironisch vor dem Konzert – da ist was dran. Dennoch rührt ihn der Abend, weil es ja schließlich auch um ihn geht.

Einen großen Teil der im Laufe von vier Jahren entstandenen Dokumentation nehmen Henrics Krankenhausbesuche ein, die ständigen Therapien (teils inhalatorisch, teils über Infusionen) und Gespräche mit seiner Ärztin. Eine Zeitlang geht es ihm so weit gut, doch bei den nächsten Tests haben sich seine Werte dramatisch verschlechtert, sein körperlicher Zustand wird immer schwerer zu ertragen. Er bekommt kaum Luft, kann nahezu keine Nahrung bei sich behalten, magert ab, wird immer hoffnungsloser. Er trennt sich von seiner Lebensgefährtin, verlässt den kleinen Sohn, weil er denkt, sein Ende ist nah, er erträgt die Situation nicht, die Verantwortung für andere Menschen, kann keinen positiven Blick in die Zukunft mehr zulassen.

Da geschieht das Wunder: Ein Medikament kommt auf den Markt, das genau auf seine Art der Mukoviszidose zugeschnitten ist, an der in Schweden nur noch fünf weitere Menschen leiden. Jeden Tag eine Pille, und er ist fast beschwerdefrei, so das Versprechen. Doch statt Jubel und Erleichterung herrscht bei Henric die nackte Verzweiflung. Vierzig Jahre ist er, einen Großteil davon hat er im Schatten des nahenden Todes gelebt, hat sein Leben danach ausgerichtet, sowieso bald nicht mehr da zu sein. So wenig Bindungen wie möglich, so wenig Verpflichtungen wie möglich. Jetzt könnte er – müsste er – ein nahezu normales Leben führen, könnte er – müsste er – Verantwortung für seine Familie übernehmen. „Ich müsste einer von euch werden“, sagt er am Boden zerstört.

Der Film ist natürlich speziell, man sollte mit dem Künstler Henric de la Cour und seiner musikalischen Karriere etwas anfangen können. Aber die Auseinandersetzung mit diesem Mann, und wie er sich wiederum mit seiner Krankheit und einer möglichen Fast-Heilung auseinandersetzt, lohnt sich. Seine Texte werden durch den Film verständlicher, sein Kunstblut-Bühnenoutfit, seine Tätowierungen, einfach alles.
Der Film verrät nicht, ob er die Tabletten nimmt – wer ihn früher live gesehen hat und es mit seinen jetzigen (extrem empfehlenswerten) Auftritten vergleicht, wird kaum einen Unterschied merken, allerdings wirkt er kräftiger, hat wieder zugenommen. Vielleicht hat er sich ja schließlich doch für das Leben entschieden. Es wäre ihm zu wünschen.

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Henric de la Cour
Regisseur: Jacob Frössén
Darsteller: Henric de la Cour, seine Eltern, seine Lebensgefährtin, Bandkollegen
Länge: 58 Minuten
Sprache: Schwedisch (mit englischen Untertiteln)
2014, Story AB/SVT/Progress Productions

Bei Amazon für € 17,99 (Achtung, ab 18) erhältlich oder am Stand der Plattenfirma Progress Productions, falls man den auf einem Festival zufällig erwischt.

Die DVD enthält außerdem die vier offiziellen Videos zu den Titeln „Dracula“, „My Machine“, „Grenade“ und „Shark“.

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