Die Leiden des jungen Wimmer

Stefan-WimmerEs ist der heiße Sommer von 1985 im Münchener Vorort Pasing. Der fünzehnjährige Stefan ist leidenschaftlicher New-Wave-Anhänger und Mitglied der Kajal-Clique. Der Name ist Programm, und zur Schminke gesellen sich Schmuck und schwarze Klamotten. Der Kopf der Gruppe ist der ein Jahr ältere Roderick, und neben Meindorff ist auch noch Deibel dabei, der aber von den anderen immer wieder einmal verspottet wird. Sie hören Bands wie The Cure und Human League, Propaganda, Heaven 17 und Siouxsie and the Banshees.
Die Kajal-Clique ist in Pasing berüchtigt, denn sie steht ganz unter dem Einfluss des PPP – Partys, Petting, Punk-Musik. Partys ergeben sich hin und wieder, und Platten klauen sie wegen des knappen Taschengelds beim örtlichen Elektro-Händler. Nur mit dem Petting läuft das nicht wie erhofft, denn die gesamte Clique hatte bislang kein Glück mit den Mädchen. Dabei trifft sie sich beinahe täglich an Hannis Kiosk im Pasinger Stadtpark, um bei Bier und Schnaps Strategien zu entwerfen, wie es denn mit dem ersten Sex endlich klappen soll. Doch mit ihren unerfahrenen und plumpen Annäherungsversuchen beißen sie bei den Mädels auf Granit. Als wäre das nicht schlimm genug, machen ihnen auch noch die Rocker-Prolls um den gefährlichen Gangleader Lothar das Leben schwer, der weder den dick aufgetragenen schwarzen Kajal noch die toupierten Stachelfrisuren ausstehen kann. Doch dann trifft Stefan auf Baby-Love, das schönste Girl von Pasing, und es ist um ihn geschehen. Sie ist es, deren Herz er unbedingt erobern muss, doch auch Meindorff hat ein Auge auf die schöne Unbekannte geworfen. Sie kennen weder ihren Namen noch ihren Wohnort und versuchen sie überall wiederzutreffen. Wird es Stefan allen Umständen zum Trotz schließlich schaffen, Baby-Love für sich zu gewinnen?
Abseits der eigentlichen Story legt Stefan Wimmer spürbar Wert auf die teils bayerischen Dialoge. Vor allem die Art, wie Roderick die anderen in der dritten Person anspricht, kenne ich selbst (vom anderen Ende der Republik) noch von damals und sorgt für Authentizität. Kleine unterhaltsame Gags am Rande sind die Fußnoten, die immer wieder mit ironischen und witzigen Kommentaren eingestreut worden sind.

Fazit: Die 12 Leidensstationen nach Pasing ist eine amüsante Coming-of-Age-Geschichte, die das Lebensgefühl der heranwachsenden Jugendlichen Mitte der Achtziger glaubhaft transportiert. Stefan Wimmer schreibt zwar, noch bevor der Roman anfängt: „Alles, was darin steht, ist erfunden, …“, doch im Nachwort gibt er zu: „Und doch hat sich alles genau so zugetragen wie beschrieben, …“. Das spürt man auch instinktiv beim Lesen, und nicht zuletzt haben alle erwähnten Lokalitäten damals tatsächlich existiert, soweit ich das nachforschen konnte. Die Geschichte der Kajal-Clique weckt für ältere Semester Erinnerungen an die eigene Jugend, ohne diese zwingend in Pasing oder München erlebt haben zu müssen. Sie funktioniert aber auch als heutiger Jugendroman, da sich die grundsätzlichen Probleme des Erwachsenwerdens bis heute im Grunde genommen nicht geändert haben. Ich muss aber zugeben, dass ich mir persönlich mehr Einblicke in den Gothic- und New-Wave-Aspekt gewünscht hätte.

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Stefan Wimmer: Die 12 Leidensstationen nach Pasing
Heyne Hardcore, Vö. 23.03.2020
Gebundene Ausgabe: 256 Seiten
18,00 €, als Ebook 13,99 €

Homepage: https://www.randomhouse.de/Buch/Die-12-Leidensstationen-nach-Pasing/Stefan-Wimmer/Heyne-Hardcore/e568495.rhd

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