CD: The Exploding Boy – Alarms!

So now it’s time to meet the sundown

EB_A_1500x1500Fünf Jahre haben sich The Exploding Boy, Schwedens bester Musikexport seit ABBA, mit dem fünften Album Alarms! Zeit gelassen. Einiges ist in der Zwischenzeit passiert, so hat die Band, die im Kern aus den Sängern Johan Sjöblom (Akustikgitarre) und Stefan Axell (E-Gitarre), Lead-Gitarrist Les Andersson sowie Keyboarder Nicklas Isgren besteht, Zuwachs bekommen. Bassist Mattias Svensson ist neu an Bord, Richard Ankers hat den vakanten Posten am Schlagzeug eingenommen und ersetzt den bisher meist zum Einsatz gekommenen Drum-Computer, und ABBA haben kürzlich zwei neue Songs angekündigt – das ist The Exploding Boy zum Glück zu wenig, also ist es höchste Zeit Alarms! zu schlagen oder besser anzuhören. Die Wartezeit wurde nur durch ein ausschließlich online veröffentlichtes Live-Album At The Dress Circle – Live NYC und das wunderschöne Soloalbum 6 von Sänger Johan Sjöblom (Link zur Review) verkürzt. Der Titel deutet es schon an, dass etwas überhaupt nicht stimmt, das Cover mit dem subtil angedeuteten Radioaktiv-Symbol räumt die letzten Zweifel aus.

Und so nehmen The Exploding Boy mit dem Eröffnungssong direkt Bezug auf ihren Hit „Dark City II“, in dem die drohende Katastrophe heraufbeschworen wird, und verkünden mit „Fireland (The end of Dark City)“ das Ende derselbigen. Die Stadt ist zerstört, Zeit sich von seinen Lieben zu verabschieden. Wer aufgrund der ruhigen Grundstimmung nicht zugehört hat, wird spätestens mit den sägenden und leicht dissonanten Klängen zu Beginn von „Alarms in silence“ aus der Komfortzone aufgeschreckt. Nichtsdestotrotz sind hier unverkennbar The Exploding Boy mit ihrem Gespür für feine Melodien am Werk. Bei „The day“ ist der Einfluss von Joy Division deutlich spürbar, etwa der Gitarrenlauf, der nach „Dead souls“ klingt. Wohl nicht ganz zufällig erscheint Alarms! auch zum Todestag von Ian Curtis am 18. Mai. Das folgende „Run red“ wurde bereits als Single vorab veröffentlicht und besticht durch den Kontrast zwischen der ruhigeren Strophe und dem energetischen Refraingesang. Ich frage mich, ob die Nähe des Titels zu „Redrum“ aus Shining von Stephen King bewusst gewählt ist, jedenfalls würde es ins Bild passen. Der mehrstimmige, flehentliche Gesang bei „Stop time“ ist von fast schwindelerregender Schönheit. Wir tanzen am Abgrund entlang und müssten die Zeit anhalten. Aber ist es dafür bereits spät?
„Pointless action“ ist wieder ein typischer Song mit schönen Harmonien, der aber auch einer gewissen Dramatik nicht entbehrt, wofür das marschinspirierte Schlagzeug sorgt. Das folgende „Danger zone“ zielt vor allem mit dem düsteren Bassspiel wieder mehr in die Post-Punk-Richtung, geht aber auch als Hymne durch. Bei „Sign o‘ the times“ steht der Gesang dominant im Vordergrund – es ist der Bands wichtig, in der Flüchtlingskrise Stellung zu beziehen. Stellenweise kommt der Gesang leicht dreckig und Richtung Punk schielend rüber, dazu passen auch die rockigsten Elemente auf Alarms! „O.H.M.Y.G.O.D.“ ist insgesamt eher im düsteren Spektrum anzusiedeln, vor allem das Keyboard scheint aus dem Dark Wave entlehnt zu sein. Lediglich der Gesang schraubt sich beim Refrain in höhere Gefilde. Die Melancholie in „Liar’s roar“ trifft mich wie ein Vorschlaghammer, und so entwickelt sich das Stück zu meinem Lieblingssong des Albums; hier stimmt einfach alles. Der coole Bass, die Gitarrenläufe, die schon fast Refraincharakter haben, das subtile Schlagzeug, und dazu diese verzweifelte Sehnsucht in der Stimme. Mit neun Minuten und acht Sekunden Länge kommt der letzte Song zwar nicht ganz an die Vorgabe von „11:59“ heran, aber darum geht es ja eigentlich auch nicht. In epischer Länge wird das Ende in einer angemessener Weise zelebriert, ohne auch nur eine Sekunde langweilig zu sein, sodass mir Tränen in die Augen getrieben werden. „So now it’s time to meet the sundown.“ Selten war ein Weltuntergang schöner.

Fazit: The Exploding Boy präsentieren mit Alarms! ein überraschend stark politisch geprägtes Album, das letztendlich mit „11:59“ das Ende der Menschheit prognostiziert. Aber im Grunde genommen ist es eine Zustandsbeschreibung, denn an unendlich vielen Fronten läuft momentan weltweit so viel schief, wie kann einen das nicht irgendwie berühren? Es ist mir in der Tat schwer gefallen eine Rezension zu schreiben, aber nicht, weil die Musik etwa schlecht oder nichtssagend ist. Im Gegenteil, die Musik, gepaart mit den wunderbaren Stimmen von Johan und Stefan, lässt meine Gedanken entgleiten. Ich träume vor mich hin, sinniere über die düsteren Botschaften von Alarms! und vergesse dabei alles andere um mich herum. Ja, das sind eindeutig The Exploding Boy in ihrer unnachahmlichen Art und Weise, in der Post Punk, Indie Rock und Wave-Elemente miteinander verschmelzen, auch wenn einige Veränderungen spürbar sind. Sie erfinden das Rad letzten Endes zwar musikalisch nicht komplett neu, aber das muss man auch nicht immer, wenn es perfekt rollt.

Info von Drakkar Entertainment: Als besonderen Leckerbissen gibt es seit 15.05. eine alternative Version des Tracks „Sign o‘ the times“, die auf deren Soundcloud-Seite angehört und gratis heruntergeladen werden kann. Diese Version des Songs ist nicht auf dem Album enthalten und wird nur für begrenzte Zeit verfügbar sein!

Anspieltips: The Day, Liar’s Roar, 11:59

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The Exploding Boy: Alarms!
Drakkar Entertainment, Vö. 18.05.2018
CD 15,99 € erhältlich über EMP

Homepage: facebook.com/theexplodingboysweden/
drakkar.de/de/

Tracklist:
01 Fireland (The end of Dark City)
02 Alarms in silence
03 The day
04 Run red
05 Stop time
06 Pointless action
07 Danger zone
08 Sign o‘ the times
09 O.H.M.Y.G.O.D.
10 Liar’s roar
11 11:59

 

 

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