Konzert: 18.01.2019 – Solar Fake + Seadrake, Backstage Halle, München

Im siebten Synthiehimmel

Das Konzertjahr 2019 beginnt gleich mit ziemlichen Knallern für die schwarze Szene, denn heute stehen Solar Fake und Seadrake auf dem Programm, morgen Coma Alliance und In Strict Confidence – alles im Backstage. Die volle Dröhnung aus den verschiedensten Synthie-Sounds also, mit lauter alten und potenziellen neuen Lieblingen. Solar Fake haben Ende August ihr fünftes Album You win. Who cares? (unsere Review ) herausgebracht, mit dem sie ihren Fankreis noch mal ordentlich erweitern konnten. Mit dabei haben sie Seadrake, ein Trio aus alten Szenehasen, das im Herbst schon mit NoyceTM in der Milla war, der großen Synthie-Fanmasse allerdings noch unbekannt sein dürfte. Das ändert sich nach diesem Abend aber bestimmt, vor allem auch durch das überzeugende Debütalbum Isola, und gespannt macht sich das Team von Schwarzes Bayern auf in die Backstage Halle.

DSC_0517Da erwartet uns bei Einlassbeginn schon eine ordentliche Schlange, und bei Konzertbeginn um 20 Uhr bestätigt sich unsere Vermutung, dass es voll wird. Richtig voll. Vor dieser Kulisse eröffnen Sänger Hilton Theissen (Akanoid), Soundtüftler Mathias Thürk (ex-Minerve) und Rickard Gunnarsson (Lowe, Statemachine), der sowohl Bass als auch Keyboard spielt, ihren Auftritt. Nach dem Intro, das in Beethovens „Ode an die Freude“ übergeht, setzt ein mächtiger Bassbeat ein, Bassist Rickard winkt kurz, dann erscheint auch Sänger Hilton, den man allerdings noch nicht richtig gut hört. Dann hängt er sich eine Gitarre um und begrüßt das Publikum und kündigt den ersten Song „(Lower than this) Someday“ an. Der Gesang ist nun besser zu hören, und die Gitarre bringt eine Rock-Komponente zum Synthiepop-Sound hinzu. Der Applaus fällt dementsprechend lauter aus. „Das ist schon geil! Dankeschön!“ Bei „Daydream“ steuern Rickard und Mathias den Background-Gesang bei, Rickard wechselt ans Keyboard, und Hilton legt die Gitarre weg. Die Band hat sich merklich eingegroovt, viele Leute tanzen bereits zu den eingängigen Songs (besonders „Conformity loves company“ hat gute Ohrwurmqualitäten). Nur das Licht ist leider ziemlich bescheiden, sodass man von der Band viel zu wenig sieht.
Mittlerweile ist es sehr warm, Rickard entledigt sich seiner Lederjacke, während Hilton den nächsten Song ankündigt: „Dankeschön! Das ist die aktuelle Single, von der demnächst auch ein Video kommt: ‚Get it on‘!“ Auch seine Lederjacke wird zu warm, er schwingt sie mehrfach kreisförmig über dem Kopf und wirft sie in die Ecke. Den Song performt er mit weit ausladenden Gesten, und das Publikum geht richtig gut mit. „Vielen Dank! Weil wir noch so neu sind, haben wir noch nicht so viele Stücke. Deshalb spielen wir jetzt einen Song von meiner alten Band Akanoid„, und zwar „No matter“. Stroboskopgewitter sorgt dabei für die nötige Dramatik, was das Publikum mit entsprechendem Applaus honoriert. Dann heißt es jedoch auch schon „Das ist unser letzter Song“, und Hilton stellt die Band vor: „Mathias aus der Schweiz, Rickard aus Schweden, ich bin Hilton. Habt ihr noch ein bisschen Schwung?“ Zum Finale kommt die Gitarre wieder zum Einsatz, aber Hilton verliert sein Plektron. Hektisch winkt er, dass man es ihm hochreichen möge, und gerade noch rechtzeitig reagiert jemand in der ersten Reihe. „Something durable“ wird noch mal von allen gefeiert, und die Band verabschiedet sich: „Vielen Dank an euch! Wir sehen uns später!“ Seadrake sind eine solide Vorband, die beim Publikum insgesamt gut ankommt und die auch mir persönlich live besser gefällt als beim Reinhören vor der Show. Die Band lässt es sich auch nicht nehmen, selbst am Merchandise-Stand zu stehen. Deren Tourmanagerin erzählt uns im Gespräch, dass die Dreiländerband normalerweise entfernungsbedingt nur über Skype zusammenarbeitet und einen Tag vor der München-Show das erste Mal für diese Tour geprobt hat. Trotzdem ist der Auftritt sehr professionell, da zahlt sich die langjährige Erfahrung der drei Seedrachen aus. Als Opening Act für Solar Fake sind sie gut gewählt. Basser Rickard ist übrigens der Sohn von ABBA-Gitarrist Rutger Gunnarsson – womit die Band auch für ABBA-Fans interessant sein dürfte. Und davon gibt es ja eine ganze Menge auf der Welt. (Mrs. Hyde)

DSC_0604Nach den eingängigen Synthie-Songs von Seadrake sorgt die Pausenmusik für einige Erheiterung und Irritation im Publikum: „You are listening to an Ice-T LP!“ und irgendwas mit „Motherfucker!“ schallt aus den Boxen. Der Jubel, als Jeans, André und Sven um neun die Bühne betreten, ist aber sicher nicht nur der Erleichterung geschuldet, dass jetzt gleich bessere Musik kommt, sondern weil sich die ganze Halle geschlossen auf die drei sympathischen Jungs freut. Das letzte Mal waren Solar Fake mit ihrem Akustikprogramm in München, der wunderschöne Abend ist sicher noch vielen bestens in Erinnerung, heute wird uns aber wieder ordentlich eingeheizt, und schon beim Opener „Not what I wanted“ rasten nicht nur die ersten Reihen um mich herum (inklusive mir natürlich) ordentlich aus. Sven begrüßt uns begeistert und breit grinsend, André malträtiert aufs Schönste sein Keyboard, Jeans trommelt druckvoll und präzise – wir sind sofort mittendrin im Konzert. Dass die Band alles „Under control“ hat, beweist sie beim nächsten Song, „was Älteres, das können wir am besten!“ Die erste Single-Auskopplung vom aktuellen Album, „Sick of you“, brüllen wir dann begeistert mit, meinen damit aber ganz bestimmt nicht die Band, denn die zaubert zuverlässig wie immer Glücksgefühle auf der Bühne. „A bullet left for you“ ist ebenfalls vom aktuellen Album, bevor es mit „Here I stand“ etwas älter und melancholischer wird. Alles wiegt sich verträumt um mich herum, und „All the things you say“ passt da hervorragend dazu (die kleine Textpanne am Anfang ist übrigens sehr niedlich und sorgt für viele Lacher). „I don’t want you in here“ rundet den melancholischen Block perfekt ab, bevor es mit „Reset to default“ wieder gnadenlos tanzbar wird. Die Halle kocht mittlerweile, Sven fragt kurz „Geht’s euch noch jut?“, bedankt sich sowieso überschwänglich nach jedem Song mit „ihr seid der Wahnsinn“, und André pendelt zwischen Keyboard und Bühnenrand, feuert uns an und verteilt Herzchen. Ja, das ist alles wirklich der Wahnsinn! Nachdem es auf der Bühne sicher noch heißer als im Publikum ist (Mrs. Hyde beobachtet zwischendurch, wie eine junge Frau – wohl hitzebedingt – fast umkippt und von ihren Freunden hinausbegleitet werden muss. Wir wünschen alles Gute!), sind die drei wahrscheinlich froh um das ruhigere „The pain that kills you too“, und bei den traurig-schönen Klavierakzenten kann man wieder wehmütig-wohlig seufzen – wie auch beim nachfolgenden „Invisible“, das mit seinem getragenen Refrain punktet. Ein großer Pluspunkt für die Solar-Fake-Show sind übrigens auch die drei großen quadratischen, auf je einer Ecke stehenden LED-Schirme im Hintergrund, auf denen Videos und andere Animationen laufen (Mrs. Hyde sind da vor allem die absurd-lustigen Poolaufnahmen mit der Band und der toten Frau im Wasser gleich am Konzertanfang aufgefallen), damit wird das Ganze perfekt abgerundet.
Perfekt für mich ist dann auch der nächste Song, „Anything I want“, der sich mittlerweile zu meinem Lieblingssong vom aktuellen Album hochgearbeitet hat. Hierzu soll es auch bald ein Video geben, „dauert aber noch“. Wir sind gespannt. „More than this“ – eine der ganz großen Solar-Fake-Hymnen, kündigt Sven mit „ein älteres Stück, ihr kennt es wahrscheinlich“ an, und ja, wir kennen es und gehen dazu steil. Bei „Parasites“ geben wir – Publikum und Band – dann noch mal alles, bevor nicht nur Sven japst: „Erst mal wieder Luft kriegen!“ Ein bisschen bange ist ihm vor dem nächsten Stück, „Too late“ vom aktuellen Album, „aber das wird schon klappen“. Tut es natürlich auch, auch „If this is hope“ bekommen wir einwandfrei zu hören. Die Ansage, „What if there’s nothing“ sei der letzte Song, kommt natürlich nicht gut an, schon jetzt wird eine Zugabe gefordert, aber da meint Sven nur grinsend: „Na, vor der Zugabe müssen wir ja erst mal das letzte Lied spielen.“ Sehen wir ein, und nach einem kurzen Abstecher hinter die Bühne treiben die drei dann mit „Papillon“ und „Observer“ die Hallentemperatur noch mal ein bisschen in die Höhe. „Leute, ihr seid ja krass!“, kann Sven die euphorische Stimmung im Raum kaum fassen. Das ruhige „The pages“ bietet eine willkommene Verschnaufpause, dann beschließt das Publikum, dass es jetzt wieder Kraft hat und Solar Fake noch nicht gehen lassen möchte. „I hate you more than my life“ lässt uns in der zweiten Zugabe weitertanzen, bevor Sven dann feststellt: „Hm, der nächste Song macht die Stimmung kaputt. Blöd jetzt, aber egal …“ Das wunderschöne „Where are you“ kann aber gar nichts kaputtmachen, im Gegenteil. Bevor uns zu blümerant zumute wird, macht „My spaces“ noch mal Dampf, so sehr, dass am Songende plötzlich Andrés Keyboard umfällt. Wie konnte das nur passieren? „München, ihr seid so krass! Ihr seid der Wahnsinn! Wir sehen uns morgen in Nürnberg!“, lobt uns Sven sichtlich gerührt und fordert uns auf, am nächsten Tag zum Nürnberg-Konzert zu kommen (nachdem das ausverkauft ist, haben das vielleicht sogar ein paar Münchner gemacht). Das melancholische „Stay“ beschließt diese zweistündige Glücksdusche, und das würde man der Band am liebsten auch hinterherrufen. Aber das nächste Konzert kommt bestimmt – wenn nicht in Nürnberg oder an einem anderen Tourtermin, dann spätestens auf dem Amphi, wo sie mit Mesh und Diorama den Freitagabend rocken werden. (torshammare)

Solar Fake haben wieder einmal bewiesen, was für eine großartige und unglaublich sympathische Liveband sie sind, und das Schlagzeug tut dem Sound auch richtig gut und macht alles noch druckvoller.
Mit Seadrake haben sie einen klasse Newcomer dabei, der es verdient, einem größeren Publikum bekannt gemacht zu werden. Nach diesem gelungenen Tourauftakt klappt das aber auch ganz sicher.
Wer noch Kraft hatte, konnte sich dann auf der Aftershowparty von DJ Sconan zur bewährten Synthie-Pop-EBM-Mischung die Socken durchtanzen.

Fazit Mrs. Hyde: Wegen des mir zu starken Beats habe ich mit Futurepop in aller Regel immer meine Probleme. Aber dank des Live-Drummers Jeans wird einem von Solar Fake nicht wie befürchtet erbarmungslos das Bass-Gewummer um die Ohren geblasen. Der Sound ist so tatsächlich viel differenzierter, und das eigentliche Songwriting, das mich beim Akustik-Konzert wirklich begeisterte, kommt viel besser zum Tragen. Dennoch sind für mich die ruhigeren Momente diejenigen, in der die Band ihre eigentlichen Stärken voll entfalten kann, getragen von Svens Stimme.

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Setlist Seadrake:
1. (Lower than this) Someday
2. Daydream
3. What you do to me
4. On the run
5. Conformity loves company
6. Get it on
7. No matter (Akanoid-Song)
8. Something durable

Setlist Solar Fake:
1. Not what I wanted
2. Under control
3. Sick of you
4. A bullet left for you
5. Here I stand
6. All the things you say
7. I don’t want you in here
8. Reset to default
9. The pain that kills me too
10. Invisible
11. Anything you want
12. Just like this
13. More than this
14. Parasites
15. Too late
16. If this is hope
17. Wait if there’s nothing

18. Papillon
19. Observer
20. The pages

21. I hate you more than my life
22. Where are you
23. My spaces
24. Stay

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2 Antworten

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  1. […] Skype statt, aber das Ergebnis kann sich hören lassen, nicht nur live auf Tournee mit Solar Fake (unser Bericht vom Januar 2019). Mit ihrem Debüt Isola werde ich mir an diesem Sonntagmorgen mein eigenes Bild […]

  2. […] Theissen, Rickard Gunnarsson) haben sich für Seadrake zusammengefunden. Im Januar waren sie als Support von Solar Fake in München zu sehen, dieser Bericht hat mich neugierig auf die Band gemacht. Electropop mit […]

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