Neues aus Stockholm

A-Projection-coverDie schwedische Band A Projection ist mir das erste Mal aufgefallen, weil Johan Sjöblom von The Exploding Boy sie in unserem Interview empfohlen hatte. Das damals aktuelle Album Sections traf mich mitten ins Herz. In der Zwischenzeit hat der ursprüngliche Sänger Isak Erikson die Band verlassen, und Bassist Rikard Tengvall hat seinen Posten eingenommen. Zusammen mit Gustav Forneus, Jesper Lönn und Linus Högstadius wurde das neue Album In a different light aufgenommen, das bereits im November bei Metropolis Records erschienen ist. Am 8. August ist die Band außerdem zu Gast im Münchner Backstage.

„Careless“ ist eine Zeitmaschine, die mich direkt in die glorreichen Achtziger zurück beamt. Talk Talk, Duran Duran und Camouflage hätten diesen Song zusammen schreiben können. Wenn mein Gute-Laune-Pegel trotzdem noch nicht am Anschlag ist, besorgt das im Anschluss „No control“. Das ist ein echter Tanzflächenhammer, bei dem das Verhältnis zwischen Post Punk und der Elektronik des New Wave perfekt ausgewogen ist. In „Paris – Stockholm“ singt Tengvall konsequent auf Französisch, sodass sich starke Vibes von Indochine ausbreiten. Eine zusätzliche Frauenstimme erzeugt eine ganz neue Harmonie, bevor die zweite Hälfte klangtechnisch experimenteller wird. Die Rhythmussequenz von „Anywhere“ könnte auch von Front 242 stammen, auch wenn sie hier weniger wuchtig ist. Die Melodieführung verweist eher nach Depeche Mode, und dennoch bleibt eine gewisse Melancholie erhalten. Die Melodie in „Regenerate“ kommt mir sehr bekannt vor. Es braucht einen Moment, doch dann erkenne ich, dass die Band quasi aus „Strange times“ vom Vorgängeralbum Section zitiert. Der Song wirkt dadurch ein wenig wie eine Neuinterpretation, die zwar weniger gotisch aber genauso gelungen ist. In „Cover my eyes“ ist die Atmosphäre nun eher elegisch, auch wenn der Song im Grunde genommen ebenso tanzbar ist wie seine Vorgänger. Aber die musikalische Gewichtung liegt hier deutlich mehr auf Post Punk.
Das experimentelle Zwischenstück „Interlude“ fährt einen Break, der das Album in Hälften teilt. Die direkte Eröffnung von „Darwin’s Eden“ ist recht spacig, doch insgesamt nimmt sich der Track vergleichsweise zurück und schlägt ruhigere Töne an. „Lost conversation“ hingegen besitzt deutlich mehr Energie und macht auf mich einen irgendwie wütenden Eindruck. Das ist New Wave in einer modernen Form, einfach weniger verspielt. Erst „Reflections“ weckt diese düsteren Stimmungen, die beim Vorgänger Sections vorherrschend waren. „Journey“ ist sehr rhythmusbetont und besticht durch seinen vertrackten Beat, auch wenn die Grundstimmung an sich eher ruhig ist. Daran knüpft auch „Confession“ an, in dem neben den Rhythmus-Sounds vor allem der mehrstimmige Gesang auffällt. Die stetige Steigerung bis zum kleinen dramatischen Finale ist klug umgesetzt, und die Stille danach empfinde ich als unwirklich.

Fazit: A Projection präsentieren sich tatsächlich In a different light. Sie haben sich deutlich mehr vom New Wave der Achtziger Jahre inspirieren lassen und offensichtlich auch die technischen Möglichkeiten ihres Studios ausgelotet. Das neue Album empfinde ich als eine eher technische Platte im Vergleich zum gotischen Vorgänger Sections, dessen düstere Atmosphäre ich schon vermisse. Aber deswegen ist In a different light beileibe kein schlechtes Album, im Gegenteil, es macht richtig Spaß. Außerdem ist es völlig verständlich, wenn A Projection nicht auf der Stelle treten sondern Neues ausprobieren wollen. Das bringt nicht zuletzt ein Besetzungswechsel ohnehin oft mit sich. Dennoch blutet mein gotisches Herz ein wenig.

Anspieltipps: No control, Regenerate
:mosch: :mosch: :mosch: :mosch: :mosch2:

A Projection: In a different light
Metropolis Records, Vö. 18.11.2022
MP3 10,00 $, CD 14,00 $, LP 22,00 $ erhältlich über Bandcamp
Homepage: https://aprojection.com/
https://www.facebook.com/aprojectionband/
https://www.instagram.com/aprojection/
https://www.metropolis-records.com/

Tracklist:
01 Careless
02 No control
03 Paris – Stockholm
04 Anywhere
05 Regenerate
06 Cover my eyes
07 Interlude
08 Darwin’s Eden
09 Lost conversation
10 Reflections
11 Journey
12 Confession

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