French Freaks

Wenn man an Batcave und Deathrock denkt, kommen den meisten Namen aus England (Alien Sex Fiend, Sex Gang Children) und Kalifornien (Christian Death, 45Grave) in den Sinn. Doch in einem von unbeugsamen Galliern bevölkerten Dorf – ok, lassen wir das. Dennoch, in den frühen 80ern gründete der damals erst dreizehnjährige Emmanuel Hubaut, manchen besser bekannt als Count of Eldorado, zusammen mit Goliam in der französischen Normandie Les Tétines Noires. Sie saugen besagte Einflüsse auf und erweitern diese um zum Teil vom Dadaismus inspirierte französische Texte und eine starke künstlerische Komponente und arbeiten wiederholt mit dem Künstler Joël Hubaut zusammen. 1998 wurden sie schließlich sogar von Christian Death gecovert.

Auf „Freaks“ offenbart sich dieser Einfluss mit den Gitarren, und es geht hier in Richtung Death Rock. „Les captains“ im Anschluss vereint schließlich Batcave-Gesang mit sägenden Gitarren, und verstörend wirkende Samples von Kinderlachen durchziehen den Track. Ihre erste Aufname „Crazy horse“ veranschaulicht mit seinen Pferdegeräuschen gleich zu Beginn der Band, wie unkonventionell Les Tétines Noires zu Werke gehen. Und sobald der herrlich schräge Gesang einsetzt wird klar, woher später Lucas Lantier von Cinema Strange seine Inspirationen bekommen hatte. „Hill house“ besticht vor allem durch die fortlaufenden Stimmexperimente, die von Flüstern über Black-Metal-ähnliches Krächzen zu lautem Wehklagen reichen, bis die Stimme zu kippen droht. „N&M (Histoire de Lady Na)“ hingegen empfängt den Hörer mit einer Kirmes-Drehorgel, und der Gesang bekommt etwas Chansonhaftes, behält aber dennoch seinen expressionistischen Charakter. Mit „Lady Memory“ wird es etwas konventionell-rockiger, und eine Prise Neil Young schwingt teilweise mit.
Im Anschluss überrascht „Head hole“ zunächst mit einem von Rock ’n‘ Roll beeinflussten Klavierspiel, bevor sich ein düsterer Rocksong entwickelt, der deutliche Züge von Gothic in sich trägt. „Head horse“ wird von schweren, wuchtigen Riffs dominiert, die den Sprechgesang begleiten. Bei den vereinzelten elektronisch unterstützten Lärmausbrüchen wird Industrial-Rock-Feeling erzeugt. Dieses wird auf „Envers a contre tête“ deutlich Noise-lastig ausgebaut. Was soll man zum neunsekündigen „Tête a tête N 2“ sagen? Entweder hechelt hier ein Hund, oder jemand hat Sex. „Washing head“ beginnt mit reichlich obskuren Samples, und dann entwickelt sich ein pulsierender mit Gitarren unterlegter Elektro-Track, der durchaus Ähnlichkeiten zu Nine Inch Nails aufweist. Auf „Teo tertem“ wird über einem Grundrhythmus geflüstert, was durch Lärmausbrüche immer wieder unterbrochen wird. Für mich ist das im Grunde genommen eine experimentelle Umsetzung von Batcave mit elektronischen Mitteln. Das gefühlvolle „Tête molle“ bildet einen schönen Abschluss, das klingt, als ob der von einer Akustikgitarre begleitete Gesang unter Wasser aufgenommen worden ist. Ein Effekt, der durch gluckernde Wassergeräusche noch verstärkt wird. Der Song weckt bei mir Erinnerungen sowohl an Joy Division als auch an David Bowie.

Fazit: Aus der Zeitspanne von 1981 bis 1997 werden in den Analog Anthomologies Stücke aus den Alben Fauvisme et pense bête, Brouettes, Unreleased recording und 12 têtes mortes zu einem Best-Of-Album zusammengefasst. Durch die chronologische Reihenfolge kann man ein Stück weit die Entwicklung der Band nachverfolgen. Schön, dass sich Manic Depression Records und Icy Cold Records zusammen diesen wichtigen und wegweisenden Vertretern des französischen Untergrunds angenommen haben. Reinhören ist Pflicht für alle Gothen, denen Les Tétines Noires bislang noch kein Begriff ist.

Anspieltipps: Crazy horse, Head horse, Washing head
:mosch: :mosch: :mosch: :mosch: :mosch:

Les Tétines Noires: Analog Anthomologies
Manic Depression Records / Icy Cold Records, Vö. 17.12.2019
MP3 10,00 €, LP 17,00 €, erhältlich über Bandcamp

Homepage: https://www.facebook.com/lestetinesnoires/
https://www.facebook.com/icycoldrecords/
https://icycoldrecords.bandcamp.com/
http://manicdepressionrecords.com/
https://www.facebook.com/manicdepressionrecords/
https://manicdepressionrecords.bandcamp.com/

Tracklist:
01 Freaks
02 Les captains
03 Crazy horse
04 Hill house
05 N&M (Histoire de Lady Na)
06 Lady Memory
07 Head hole
08 Head horse
09 Envers a contre tête
10 Tête à tête N 2
11 Washing head
12 Teo tertem
13 Tête molle

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