Der Soundtrack meiner Jugend

MisophoniaDie ungewöhnliche Schreibweise von [di:unruh] beruht auf der Lautschrift und liest sich „die Unruh“, was man entweder auf einen unruhigen Geist oder die Unruh einer Uhr beziehen kann. 2012 wurde die Band in Helsinki gegründet, wobei Sänger und Gitarrist Jan Ferres ursprünglich aus Flensburg kommt. Das lässt mich aufhorchen, weil ich ebenfalls dort aufgewachsen bin. Seine beiden Mitstreiter sind Vesa-Matti Pekkola am Bass und Antti Meriläinen am Schlagzeug. Nach einer 7″ und einer 10″ haben [di:unruh] nun ihre erste offizielle Langrille Misophonia u. a. bei Icy Cold Records veröffentlicht.

Durch die Art des Gitarrenspiels beim Intro von „Machine“ hatte ich Gothic Rock erwartet. Das ist im Ergebnis zwar durchaus irgendwie richtig, aber der Bass ist mehr im Post Punk beheimatet, und die Musik an sich erweitert sich zusätzlich in die Indie-Richtung. Auch tönt der Gesang von Jan nicht aus der Grabkammer. Mit Anleihen von 90er Jahre Alternative Rock geht es bei „Turn to frost“ weiter, was mich stellenweise an Therapy? erinnert. Mit wuchtigen Riffs wird aber der Bezug zur heutigen Zeit hergestellt. Zu Beginn von „EHS“ flüstert Jan zunächst geheimnisvoll, und wenn er später „I am in hell“ singt, klingt er ein wenig nach James Hetfield von Metallica. Der Song selbst zum Glück nicht, hier sehe ich mit den elektronischen Anleihen eher Parallelen zu Shock Therapy und vor allem Killing Joke. „Final stage of acceptance“ hingegen ist wiederum eine gelungene Mischung aus Post Punk, Gothic und Indie Rock, bei der die Gitarrenarbeit teilweise fast wie eine Orgel klingt.
Bei „Downward spiral“ schießt mir aufgrund des Titels sofort Nine Inch Nails in den Kopf, doch mitnichten handelt es sich hier um eine Coverversion. Der elektronische Anteil ist hier aber dennoch deutlich erhöht und liefert aus dem Hintergrund ordentlich Schub. Eine Art Spieluhr gibt zu Beginn des Titeltracks „Misophonia“ die Melodie vor, bevor sich ein treibender Track entwickelt, der sich zwischen Death und Gothic Rock bewegt und mich auf eine Zeitreise in die Vergangenheit schickt. „Kafkafak“ ist ein moderner Post-Punk-Song, der gleichzeitig an die wütende Seite von Joy Division erinnert und eine wunderbare Energie verströmt. Die wuchtigen und nachhallenden Drums in „Flaws“ zeigen eine ganz andere Seite von [di:unruh], und stimmlich klingt Jan dabei überraschend nach Papa Emeritus von Ghost alias Tobias Forge. Das Stück ist ruhig und schleppend und stark psychedelisch angehaucht, was eine neue Note in die Musik einbringt. Zum Abschluss rockt „Kick the habit“ noch einmal in der Manier, die ich im Verlauf von Misophonia zu schätzen gelernt habe.

Fazit: Die Wurzeln von [di:unruh] liegen ganz klar im Goth, Death und Indie Rock Ende der achtziger Anfang der neunziger Jahre, wobei die Synthie-Spuren für einen Schuss Wave-Atmosphäre sorgen. Diese werden jedoch höchst eigenständig zu ihrem eigenen Sound verarbeitet und zu heutigen Strömungen erweitert. Vieles erinnert mich an den Soundtrack meiner Jugend in der kleinen schwarzen Indie-Szene von Flensburg, und ich frage mich insgeheim, ob wir und uns nicht einmal im damaligen Szene-Wohnzimmer Roxy begegnet sind. Aber davon einmal abgesehen, wer mit den oben bereits genannten und aktuellen Bands wie Then Comes Silence, Joy/Disaster oder Horror Vacui etwas anfangen kann, dürfte auch mit [di:unruh] seine dunkle Freude haben.

Anspieltipps: Turn to frost, Misophonia, Flaws

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[di:unruh]: Misophonia
Icy Cold Records, Vö. 25.11.2019
(Co-Produktion mit Plastic Bomb Records, Occult Whispers Records, Erwin Brockovich Records, Bat-Cave Productions)
MP3 7,00 € erhältlich über Bandcamp
LP 16,00 € erhätlich über Icy Cold Records

Homepage: https://www.facebook.com/di.unru/
https://www.instagram.com/diunru/
https://www.facebook.com/icycoldrecords/
https://icycoldrecords.bandcamp.com/

Tracklist:
01 Machine
02 Turn to frost
03 EHS
04 Final stage of acceptance
05 Downward spiral
06 Misophonia
07 Kafkafak
08 Flaws
09 Kick the habit

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